Staub

Sieben Jahre ist er heute her. Dieser Tag im April, an dem ich Abschied nahm, Abschied nehmen musste. Wieder einmal. Der Karfreitag war 2010 erst gut zwei Wochen her und noch nicht wirklich verdaut, da würgte ich schon auf dem nächsten Stück Leben herum. Diesmal traf es einen von „meinen“ Männern. Direkt und unumkehrbar. Und seine Familie. Daheim.
Aufgeschrieben hatte ich es damals schon, rausgekramt vor zwei Jahren für das Projekt „1000 Tode schreiben“ des Frohmann-Verlages. Ich habe schon mal beiläufig darüber berichtet, über das Projekt. Damals wollte ich meinen Text dazu (noch) nicht posten.
Jetzt schon. Hier bitte: 


Ich stehe im Staub neben diesem Lastkraftwagen, etwas abseits vom großen Platz
gegenüber der kleinen Kirche im Feldlager. Der Unimog ist von dort nicht direkt einsehbar. Verlässlich ist er, und geländegängig. Der Unimog. Auf der Ladefläche steht ein flaggenbedeckter Sarg, in dem sich die verlötete Zinkwanne mit den Überresten eines
meiner Kameraden befindet. Vor uns sind zwei weitere Lkw aufgefahren, hinter uns steht noch ein vierter. Alles Unimogs, alle haben die gleiche bittere Ladung.

Der Morgennebel über dem Feldlager hat sich weitestgehend gelichtet, und die Sonne
brennt nun durch den hochgestiegenen Dunst. Zehn Kameraden begleiten jeden
der Wagen, jeden der vier Särge. Drei gehen jeweils links und rechts, zwei tragen das
Totenbild und das Ordenkissen vor dem Lkw her, zwei weitere sitzen im Fahrerhaus. Alles Männer, alles Freiwillige. Das Bevorstehende kann man niemandem befehlen.
Die Ladebordwände der Kraftfahrzeuge sind heruntergeklappt und mit schwarzem Stoff
ausgeschlagen. Die Männer stehen etwas abseits und rauchen, oder schweigen sich an. In der Ferne taucht das Marmalgebirge aus dem restlichen Dunst auf und wird von der Sonne in ein unwirkliches Licht getaucht.

Der Platz am Ehrenhain füllt sich mit Menschen. Soldaten verschiedener Nationen,
Polizisten, Bundespolizisten, Mitarbeiter ziviler Organisationen, Pressemenschen. Männer und Frauen. Man hört den groben Schotter unter den vielen Füßen, Kommandos hört man kaum. Alle, die zu diesem Zeitpunkt irgendwie entbehrlich sind oder sich entbehrlich gemacht haben, versammeln sich. Versammeln sich, um den vier Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen.

Mein Blick wandert in die Gesichter der Anderen. Alles junge Kerle, jünger als ich.
Teilweise sehr viel jünger als ich. Und doch wirken sie in diesem Moment sehr reif und
erwachsen. Allen ist sichtlich unwohl. Wer will es ihnen verdenken? Wieder und wieder
wandern ihre Augen nahezu scheu zu dem Gefechtshelm auf dem Eichensarg, zu den
anderen Särgen und wieder zurück zu mir. Ich versuche Ruhe auszustrahlen, sehe ihnen in die Augen. Versuche, ihnen Mut zu machen und ein Stück weit Gelassenheit zu
demonstrieren. Vielleicht sieht es ja wenigstens nach Ruhe und Gelassenheit aus. Ich bin
kein guter Schauspieler, aber mehr können die Männer jetzt nicht verlangen.

Das Signal zum Einmarsch wird gegeben. Der erste Unimog wirft den Motor an, dann der zweite, dann unserer. Als der vierte Wagen den Motor startet, setzt sich der erste auch schon langsam in Bewegung. Ein Blick in alle Gesichter, ein aufmunterndes Nicken und das Signal an unseren Fahrer, dem zweiten Fahrzeug zu folgen, sind fast eins. Auch wir bewegen uns nun auf eine der wohl schwersten Stunden unseres Lebens zu.

Anfangs zähle ich noch leise für alle den Schritt an, kann das aber nach wenigen Metern
lassen. Nun den Kopf selbst aufrecht halten und den eigenen Blick geradeaus richten. Ich
versuche, die Atmosphäre auf dem Platz nicht zu sehr in mein Bewusstsein eindringen zu
lassen. Wir schwenken in die angetretene Formation ein, passieren die ersten Reihen von
Soldaten in straffer Haltung. Die eingetretenen Truppenführer erweisen den militärischen Gruß. Nicht wir sind es, die sie grüßen. Es sind die gefallenen Soldaten in den Särgen. Die, die wir nun ein Stück auf ihrem letzten Weg begleiten. Zweiter Schwenk, der Flusskieselschotter knirscht hart unter unseren Stiefelsohlen.

Die Sonne brennt merklich auf unseren dunklen Baretts. Wir haben eben alle noch etwas
Wasser getrunken. Mein Mund ist trotzdem schon wieder trocken. Der Soldat, der uns an
unserem Platz einweist, schaut uns ernst aus seinem jungen Gesicht entgegen. Unser Lkw
hält direkt vor ihm, das vierte Fahrzeug kurz danach rechts neben uns. Die vier Motoren
gehen gleichzeitig aus. Auf ein leises Kommando drehen wir Begleiter uns um 180 Grad auf der Stelle. Nun stehe ich vorne, die Sonne scheint mir von schräg rechts ins Gesicht. Quer über den Platz, fast direkt gegenüber, erkenne ich ein mir gut bekanntes Gesicht. Mein Fixpunkt ab sofort.

Die deutsche Flagge weht auf Halbmast. Die Militärgeistlichen stehen in der Nähe eines Pultes. Generäle verleihen Medaillen, posthum. Einzeln, vor den Särgen. Gebete und Fürbitten werden gesprochen, das Vaterunser. Mein Fixpunkt steht, mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf. Ich stehe aufrecht, mit meinen gestreckten Händen auf den leeren Beintaschen.

Die Rede der Generalität. Es wird von Hinterhältigkeit, von Weitermachen,
vom „Nichtnachlassen“ gesprochen, mein Fixpunkt steht gegenüber. Von Trotz und „Jetzt
erst recht!“ ist die Rede. Ich fühle Wut und Hass in mir aufsteigen. Keine guten Begleiter.
Ein Schweißtropfen rinnt mir über die Schläfe und den Hals in den Kragen. Meine Gedanken gehen zu den Müttern, den Frauen, den Kindern,  jetzt habe ich doch diesen
Kloß im Hals. Hoffentlich werden meine eigenen Kinder die Briefe nie öffnen müssen, die
ich ihnen vor meinem Abflug geschrieben habe.

Die vier Steintafeln mit den Namen der Toten werden an der Mauer des Hains enthüllt,
mein Fixpunkt legt zum Lied des einzelnen Trompeters „Ich hatt einen Kameraden …“ die
gestreckte Hand an den Kopf. Er steht aufrecht, mit Tränen in den Augen. Die Trauerfeier findet ihren Abschluss. Ich hoffe, dass die anderen ihre Zehen auch ein wenig in den Stiefeln bewegt haben. Wieder eine 180-Grad-Drehung, keiner fällt um. Es sind genug gefallen in diesem Monat, in diesem Jahr, in diesem Land. Zu viele.

Wir bewegen uns wieder, gemessenen, eher schleppenden Schrittes. Trauerschritte. Ein
Trauermarsch ins Spalier. 500 oder 600 Meter, links und rechts, Soldaten und Zivilisten.
Christen, Moslems, Atheisten. Gleich zu Beginn, Gebirgsjäger. Das neue Kontingent, unsere Ablösung. Die Gebirgsmütze auf der Brust und die andere Hand am Kopf zum Gruß, zum letzten Gruß. Dann Norweger und Schweden und Amerikaner und Kroaten und und und.
Ich möchte rennen, trotz der Hitze. Aber der flaggenbedeckte Sarg auf der Ladefläche gibt den Takt meiner Schritte vor. Halblinks vor mir, auf Augenhöhe. Schrittgeschwindigkeit im Standgas. Die Gesichter von Frauen und Männern ziehen langsam an mir vorbei, viele mit feuchten Augen. Sehr viele. Zwei der Jungs sitzen etwas abseits der Straße im Staub, einer von ihnen vergräbt sein Gesicht in den tätowierten Unterarmen. Ich sehe es nur aus den Augenwinkeln. Alle sind sehr nah dran an uns. Das gibt etwas Halt. Einschwenken auf das Flugfeld, kein Spalier mehr. Noch eine letzte exakte Körperdrehung, nachdem das Fahrzeug endlich gehalten hat. Unterstützung ist dort, um uns den Sarg von der Ladefläche aus anzureichen. Die Einheiten der Gefallenen sind uns gefolgt, auf dem Rollfeld angetreten. Alle anderen halten pietätvollen Abstand am Rand des Flugplatzgeländes. 

Viermal wird ein Sarg von sechs Männern in die Transall getragen. Viermal geht ein Ruck durch die angetretenen Einheiten auf dem Rollfeld. Wir sind als Dritte dran, nach uns kommen die Fallschirmjäger. Es scheint, als ob es alle nun ein wenig eiliger hätten. Froh sind, dass es bald vorbei ist. Im Laderaum stellen wir den Eichensarg an die gekennzeichnete Stelle. Die Crew legt Gurte darüber. Vertraute Umgebung für mich, vertrauter Geruch. Ich nehme in diesem Moment persönlichen, stillen Abschied von vier meiner Kameraden. Lasse einen Teil meiner Trauer hier in diesem Laderaum zurück. Vierundzwanzig lebende Soldaten stehen sich gegenüber und keiner weiß so recht, was er jetzt tun soll. Hilflosigkeit steht in den Gesichtern. „Nehmt nun Abschied, Jungs!“ höre ich mich sagen, und es klingt, als wenn es jemand anderes gesagt hätte – irgendwie fern.
Dann gehe ich mit diesem traurigen Häuflein aus der Maschine raus, an den Rand des
Rollfeldes, zu den anderen. Zu unserem General.

Die Motoren drehen hoch, die Turbinen dröhnen die vertraute Melodie. Der General steht
links vor mir, der Militärpfarrer daneben. Die Maschine rollt auf die Startbahn ein, der Pilot schiebt den Hebel auf Vollgas. Die Transall nimmt Geschwindigkeit auf, hebt ab. Zurück bleibt der Geruch von verbranntem Kerosin.
Der General grüßt der abfliegenden Maschine hinterher. Seine Schulter beginnt zu zucken, seine Lippen zittern. Eine Träne löst sich aus seinem rechten Auge. Der Pfarrer legt den Arm um ihn. Die straffe militärische Haltung bricht ein, sein Körper schüttelt sich. Er greift sich ins Gesicht und drängt seine Tränen zurück in ihre Kanäle. Dann dankt er uns kurz mit einem Nicken seines faltigen Gesichtes und geht. Eiligen Schrittes. Wir verstehen ihn…


Zwölf Tage nach dem längsten halben Kilometer meines Lebens flog ich selbst heim. Nach Ostfriesland. Lebend. Als letzter von meinen Männern und Frauen. Weil ich alle zum Flugzeug brachte. Sorge tragen, dass sie nach Hause kommen.
Wie ich dann selbst daheim ankam, steht hier schon eine Weile aufgeschrieben.

Ach ja, und kauft ruhig dieses Buch, 
meine Geschichte ist da ja nur eine von vielen. 
Und es ist für einen Zweck. Das Buch. Keinen schlechten. 

Oder schreibt daran mit, an den 1000 Toden.
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4 Antworten zu Staub

  1. kontrapunkt13blog schreibt:

    Danke für deinen Text. Damals war ich noch in der Heimat. Wenige Monate später stand meinem Füße in ähnlichem Staub. Danke für deine Worte.

    Gefällt 1 Person

  2. westendstorie schreibt:

    Sehr berührend…. sehr fühlbar.

    Gefällt 1 Person

Gib meinetwegen Deinen Senf dazu, ich schau gleich mal drüber ;)

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