Plan

Wie sollte er nun aussehen, der Plan meines zweiten Lebens? Des Lebens nach dem Aufwachen auf der Intensivstation. Nach den ersten Schritten und der Zeit im Reha-Zentrum. Wenn ich dann wieder dauerhaft daheim bin.
Nach der Reha gestaltete es sich vieles doch einfacher als zunächst vermutet. Für mich. Oder vielmehr, ich versuchte es möglichst einfach zu gestalten. Zu planen. Mit Hilfe. Der Hilfe der Therapeuten. Um die Voraussetzungen zu klären. Mit Hilfe von Kollegen, Freuden, der Familie. Um meine Möglichkeiten zu beurteilen und dann das eigene Handeln möglichst realistisch abzuwägen. Natürlich erst, nachdem die Eckpunkte feststanden, und ich auch die Unwägbarkeiten so halbwegs hinnehmen konnte. Das dauerte etwas. Das Hinnehmen. Akzeptieren war dann doch wieder wesentlich einfacher, als zu verstehen. Unwägbarkeiten waren es recht viele. Sind es ja immer noch.

Wird der eingesetzte Stent vom Körper angenommen? Setzt er sich wieder zu? Wie verhält es sich mit den anderen drölf erkannten Engstellen? Gibt es vielleicht sogar noch mehr davon? Woher kommt dieser ganze Kram überhaupt? Werde ich die Medikamente vertragen? Mit den Nebenwirkungen leben können? Wie lange wird alles dauern? Wie verarbeite ich so ein zweites Leben überhaupt psychisch? Was muss ich in diesem Leben in welchem Maß ändern? Und wann? Und? So? Weiter?

Wie gesagt, Unwägbarkeiten waren es viele und daher mein Plan zunächst auch sehr einfach gestrickt: „Mache jeden Tag etwas.“
Ja genau, „etwas“. Einfach. Nahezu egal was, ebenso auch ziemlich egal wie viel oder wie lange, aber etwas. Jeden Tag. So wie es gerade geht. Etwas machen. Für den Körper, für das Herz, auch für die Seele, für die Gesundheit eben. Täglich.

Ohne lange Liste. Ohne viel aufzuschreiben, um dann kaum etwas davon zu tun. Oder nur höchstens die Hälfte noch zu schaffen. Etwas Kleines, etwas Großes, etwas Langes, Kurzes, Grünes, Kaltes, Hohes… egal. Jeden Tag etwas. Mittagsschlaf zu Beispiel, oder draußen herumlatschen. Jeder Schritt zählt. Einzeln. Auch mal ein Schritt rückwärts zählt natürlich, weil der ja dann irgendwann zum Anlauf wird. Dafür muss man nur eben die Schritte zählen und positiv denken. Ja, sich die Gesamtsituation bisweilen auch schönreden, sich alles etwas schöndenken.

Jedes Watt auf dem Ergometer, jede einzelne Minute Spaziergang mehr ist okay. Mal ein oder zehn Watt weniger, kein Drama. Weil man ja etwas gemacht hat. Nur eben etwas weniger. Aber jeden Tag. Natürlich hatte dieser Plan so einige Lücken und Tücken. So simpel er auch war dieser Plan. Motivation war da, das Grundvertrauen in mich selbst eher nicht. Meine Ziele habe ich daher zunächst sehr weit unten gesteckt. Ja, manche vielleicht sogar zu weit unten. Erreichbar eben, verdreifachbar sogar. Motivierend. Aufschreiben kann ich das ja hinterher. In so einer Liste. Wenn ich das will.
5000 Schritte sind machbar. Na gut, 4000. Jeden Tag. Das sind dann bummelig 120000 im Monat. Klar waren es auch mal 10104, 6458 oder 7281, aber 4000 jeden Tag sind das Ziel. Das machbare Ziel. Nicht nur im Monatsdurchschnitt. Jeden Tag. Minimal. Ziele kann man ja später immer noch anpassen. Nach oben, und auch nach unten. Gerade auch nach unten. Warum denn nicht?

Selbstbetrug? Kann man so sagen, ja. Um wieder gesund zu werden, betrüge ich mich wohl auch etwas selbst. Gerne sogar. Ich bin da gar nicht so. Für solcherlei Grübeleien habe ich auch später noch genug Zeit. Wenn ich wieder auf dem Damm bin. Wenn.

Tage an denen es mir nicht so gut ging, werden sich sicher noch ab und an wiederholen. Tage, an denen mich merkwürdige Blutdruckspitzen über Nacht in die Aufnahmestation der Ammerlandklinik zwangen, oder an denen ich im Herzkatheterlabor im Klinikum Oldenburg herumlag und Stent Nummer 2 bis 5 verpasst bekam. Diese Tage konnte ich ganz gut kompensieren. Ich hatte ja immer ein wenig Vorsprung vor mir selbst. Meinetwegen auch mit Schummelei. Mir war und ist wichtig, jeden Tag etwas getan zu haben. Das Grundprinzip meines Planes. Ihr erinnert?

Das klappte bisher ganz gut, also bleibe ich zunächst auch dabei. Stärke so mein Selbstvertrauen. Mit etwas Druck, ohne mich zu erdrücken. Um das Vertrauen in meinen Körper und in seine Fähigkeiten zurückzugewinnen. Den eigenen Radius zu erweitern. Wieder halbtags zu arbeiten. Bald den ganzen Tag. Steigerungen nicht zu übertreiben, aber eben auch versuchen, das eigene Licht mal wieder unter dem Scheffel hervorzuzerren. Jeden Tag etwas. Heute auch wieder. Und morgen. Und im Juli, auch im Juli 2017 und 2037. Nicht ganz ohne, aber mit einem nur sehr schlichten Plan. Denn:

"Kein Plan überlebt die erste Feindberührung." 
Helmuth von Moltke. 
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3 Antworten zu Plan

  1. Myriade schreibt:

    Ein heftiger Spruch ! Aber es gibt ja auch sehr lange Zeiten ohne Feindberührung …

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