Haus

Das Auto hält in der Auffahrt. Nachdem der Motor aus ist, legt die Holde den ersten Gang ein. Daheim, nach neunzehn Tagen in verschiedenen Klinikzimmern wieder ins eigene Haus. Das erste Mal in meinem neuen, diesem zweiten Leben. Etwas mehr zurück in die Wirklichkeit. Ein weiterer kleiner Schritt nach vorn.
Ich krame nach meinem Haustürschlüssel. Kein Schlüsselbund in den Jackentaschen. Klar, wozu auch? Brauchte ich ja nicht in den letzten Tagen. Werde ich auch in den nächsten Tage nicht unbedingt brauchen. Ich werde es mir trotzdem wieder einstecken. Das Schlüsselbund. Somit auch wieder etwas Normalität herstellen.

Die drei Stufen hoch zu Haustür. Freihändig. Die Frau hält mir schon etwas besorgt die Tür auf. Umschauen, wiedererkennen. Alles! Morgen ist es zwei Wochen her, dass ich aus dem künstlichen Koma geholt wurde. Zwei Wochen an die ich mich relativ genau erinnern kann. An alles davor wohl auch. Alles?
Vieles erscheint mir immer noch sehr unwirklich. Ab und zu.  Morgens aufwachen und ins Bad gehen zum Beispiel. Oder Bananen essen. Nebensächliche Dinge, wie das Öffnen des  Schraubverschlusses an der Wasserflasche.  Noch zu leben. Auch das. Manchmal.

Meine Bewegungen sind angepasst an die Schonhaltung, um den malträtierten Brustkorb nicht übermäßig zu belasten. Die wiederbelebten Rippenbögen zu schonen. Immer leicht nach vorn über gebeugt. Die Schultern etwas zueinander geschoben. Wie so ein alter Mann.
Meine Frau macht sich Sorgen wegen die Treppe bei uns im Haus. Sorgen um mich, nicht um die Treppe.  Sie sagte das. Beiläufig nur. Irgendwann in den letzten zwei Wochen.

In der Reha-Klinik bin ich nur am ersten Tag mit dem Aufzug gefahren. Für ein Stockwerk reicht mir auch die Treppe. Langsam, aber Treppe. Nicht wie die Rollatorfraktion dort. Es ist ja nur ein Stockwerk. Auch wenn ich mich oft nach einigen Metern gehen so fühle, bin ich ja kein Wrack. Noch nicht. Um die Sorgen zu nehmen, gehe ich die Treppe in unserem Haus hinauf. Und dann auch wieder runter. Unter einem Vorwand. Oben ist auch alles noch da. Und meine Erinnerungen daran sind auch korrekt. Bloß gut. Etwas Sorge hatte ich darum ja schon. Aber auf den ersten Blick fehlt nichts. Auf den zweiten Blick auch nicht. Nicht im Haus, in meinem Gehirn auch nicht.

Im eigenen Bett einschlafen. Die Meine kontrolliert per Hand auflegen noch mehrmals, ob ich atme. Mehr im Halbschlaf. Dann beginnt die Nacht. Und endet wieder. Keiner im Haus ist gestorben. Schlafen kann ich am Morgen nicht lange. Konnte ich schon nicht, als ich noch gesund war. Nun sind es sehr präsente Bilder im Traum, verschwimmend zwar, aber da. Immer wieder mal. Immer noch. Zusätzlich. Die Psychologin sagte, das gibt sich mit der Zeit. Dieser Narkosemittel-Albtraum voller Horror wäre eine ganz normale Reaktion des Hirns auf die spürbaren mechanischen, optischen und akustischen Einwirkungen und Reize auf den Körper während des Komas.  Eine Verarbeitung dessen, die auch noch etwas nachwirken wird. Das verblasst bald. Hoffentlich. Wenn nicht?

Die Medikamente soll ich regelmäßig nehmen. Immer zur gleichen Uhrzeit, verstehe ich daraus. Wahrscheinlich bin ich so ein Vorzeigepatient. Also zeitig aufstehen. Pillen nehmen, etwas trinken. Wie so ein Spießer. Die Traumfragmente vergessen üben.
Durch das Haus laufen. Unten. Eine Tasse Kaffee trinken. Eine Kleinigkeit essen. Sicherheitshalber die Pillen nochmal durchzählen. Reichen morgen auch noch. Und übermorgen. Zur Sicherheit. Noch ein paar Zeilen ins Buch kritzeln. Es werden dann ein paar Seiten bis die Familie aufsteht.

Frühstück, dann wieder etwas hinlegen. Es strengt mich an, hier im Haus zu sein. Heute Nachmittag kommt eine gute Freundin zu Besuch, die aus dem Krankenhaus. Die sich mit der Holden abgewechselt hat, damit ich nicht allein sein musste. Vor zwei Wochen. Auf der Intensivstation, später in meinem Bett auf der Station. Ich kann keinen Mittagsschlaf machen… zu aufgeregt. Alles ist noch da, und alles ist trotzdem irgendwie neu für mich. Die Kinder sind viel leiser, als in meiner Erinnerung. Und größer. Das machen die doch mit Absicht! Zumindest hinlegen, kurz wegschlummern.

Nach Tee und Lebkuchen, gehen wir noch eine kleine Runde spazieren. Ich breche ab, muss wieder ins Haus. Mir ist etwas schwindelig, und übel auch. Mein Puls ist zeitweise auf 52 Schläge runter. Die Holde wählt die 112. Ich gehe nochmal auf die Toilette. Dann geht es schon wieder etwas besser. Der Rettungswagen kommt trotzdem. Eine Jogginghose wäre nun nicht verkehrt. EKG, Pulsoximeter. Alle Werte unauffällig. Mein rechter Fuß schläft ein. Kribbelt stark. Auf die Trage vor dem Haus lege ich mich selbst, bin ab dann wieder fremdbestimmt. Werde mit so einer Einmaldecke zugedeckt, in den Rettungswagen geschoben. Der Zugang in die Vene klappt erst im vierten Anlauf. Zurück ins Klinikum.

Notaufnahme. Blutabgabe. Ein Wert der Infarkt-Enzyme ist etwas hoch. Sonst alles innerhalb der Norm. Der Infarkt aber auch erst drei Wochen her. Das soll über Nacht beobachtet werden. Mindestens. Keinesfalls aufstehen. Super, dann wache ich ja morgen, am vierten Advent, auch wieder in einem Krankenhausbett auf.
Mir geht es echt schon besser. Keine Schmerzen, keine Luftnot. Nein. Der Fuß kribbelt auch nicht mehr. Aufstehen darf ich trotzdem nicht. Etwas essen, natürlich. Und Pfefferminztee bitte. Die Schwester erinnert sich: »Ohne Zucker, dafür aber auch kein Süßstoff – richtig?« Richtig.

Nachts gehe ich dann irgendwann zur Toilette. Hab schlicht und einfach vergessen, dass ich gar nicht aufstehen darf. Im Halbschlaf vertüddelt. Ich bin wohl doch nicht so ein toller Vorzeigepatient.

Am Adventssonntagnachmittag findet sich dann tatsächlich doch noch ein Arzt, der die Entlassung unterschreibt. Nachdem der fragliche Enzymwert stabil blieb, sogar etwas sank, und auch ein weiteres EKG völlig unauffällig ist.
Ob ich die Reha in Oldenburg fortsetzen kann, weiß er nicht. Eine der Schwestern meinte, das ginge keinesfalls.

Ich werde sie fortsetzen können. Die Reha. Und ich werde sie beenden. Und mich in Zukunft auch im Haus viel öfter mal hinsetzen, zwischendurch. Oder hinlegen. Einfach so. Für mich. Versprochen.
Die Holde fährt mich zurück nach Oldenburg. Ihre Sorgen um mich wurden durch dieses Wochenende im Haus wohl nicht unbedingt weniger. Eher etwas mehr. Größer. Nächste Woche ist Weihnachten. Ich möchte einen zweiten Anlauf wagen. Wenn es mir besser geht. Langsamer. Viel langsamer. Im Haus. Ich möchte am zweiten Feiertag Rumpsteaks braten. Zu Hause. Mit Bohnen im Speckmantel. Die Holde guckt mich ängstlich skeptisch von der Seite an. Wir verschieben die Entscheidung um ein paar Tage. Ich kann mir die Angst meiner Frau denken. Vielleicht lenkt sie ja noch ein, weil bald Weihnachten ist.

Am zweiten Feiertag 2015 habe ich daheim Rumpsteaks gebraten und 
die Tochter hätte mich dafür fast geheiratet. Die Frau auch. Nochmal.
Und ich habe wieder etwas ins Internet getippt. In unserem Haus
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Freiheit, Gedanken, Infarkt, sonstiges abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.