Schreck

Montag, das langweilige Wochenende in der Klinik ist vorbei. Zur Erholung war es aber diesmal gerade recht so. Am Donnerstag und Freitag zuvor Arztgespräch, Blutabgabe, Sonografie und noch ein Arztgespräch. Ein Vortrag über KHK, die Koronare Herzkrankheit. Das, was mich fast das Leben gekostet hätte. Den Kindern ihren Vater, meinen Vater den Sohn gekostet hätte. Was die Holde zur Witwe gemacht hätte. Beinahe.
Der Schreck sitzt nicht so sehr tief, sondern eher noch sehr präsent auf der linken Schulter. Manchmal auch auf der rechten. Damit man sich an links nicht so gewöhnt. Der Schreck ist ein Arschloch. Er knabbert wohl  auch mal an der Seele herum. Ab und zu. Abends dann.

Deswegen bin ich ja auch in der Reha-Klinik. Mit Handschlag wird man hier übrigens wirklich begrüßt. Und man hat seine Ruhe. Keine Bauarbeiten. Im Einzelzimmer. Unter Kontrolle und auf dem Wege der Besserung. Langsam.
Die Wege hier sind kurz, in der Nasszelle und neben dem Bett befindet sich jeweils eine Notfallklingel. Die werde ich nicht brauchen, aber das konnte ich ja vor sechs Monaten noch nicht ahnen.

Weihnachten steht an. Die Frau sagt, ich solle mir da bloß keine Gedanken drum machen. Sie hat das alles im Griff. Ich glaube ihr das. Muss ich ja auch. Es wird Zeit, dass ich mich selbst wieder etwas mehr in den Griff bekomme. Den Schreck von der Schulter jage. Zumindest zeitweise. Dafür habe ich ein Programm. Reha-Programm. Jeden Tag Sport. Immer Ergometern, zusätzlich turnen oder etwas für die Kraft tun. Manchmal beides. Den Wasserkram habe ich komplett abgewählt, da ich bei dem Wort „Schwimmnudel“ immer unkontrollierbare Lachkrämpfe bekomme und das hat der Vorturner dort sicherlich nicht verdient.  Außerdem wurde mir davon abgeraten, da es im Wasserbecken sehr geruhsam zugeht, eher was für die älteren Leute.

Mit mir haben die Sporttherapeuten wohl mehr vor. Ironman doppelt rückwärts. Hüpfend geschraubt. Auf einem Bein. Mit Gesangseinlagen. Zwischendurch. Mindestens.
Da könnte man glatt einen Schreck bekommen. Mal sehen, was so geht.

Das Ergometern findet unter Aufsicht statt. Drei Saugnäpfe beheimaten die Elektroden für eine EKG-genaue Überwachung meiner Bemühungen. Die behindern wirklich kaum und geben dafür das gute Gefühl, dass da jemand am Monitor mal drüber guckt. Über das Herz. Ansehen darf man sich das selbst natürlich auch noch. Hinterher. Und einmal wurde auch zwischendrin bei einem der Mitpatienten abgebrochen, da es zu sehr durcheinander ging. Nur ganz kleines Drama. Kurz hinsetzen, Schluck Wasser trinken, bisschen warten, nochmal messen. Alles wieder gut. Keine echte Chance für einen Schreck.

Die Kraftsportaktivitäten beschränken sich auf einen Zirkel mit ein paar Beingeräten sowie Thera-Band®-Übungen für Arme und Oberkörper. Bisweilen werden auch Haushaltsgegenstände wie Wasserkisten oder Sitzhocker  in den Zirkel eingebaut. Praktikable Dinge. Alles auch ohne Fitness-Studio-Mitgliedschaft daheim machbar.

Gruppenturnen, oder auch Herumhampeln wie ich es liebevoll nenne, ist da eine ganz andere Hausnummer. Der leicht hibbelige Coach aus dem Kreis der Sporttherapeuten hat immer wieder ein paar Spielchen aus seiner Studentenzeit auf Lager, die die Hand-Kopf-Oberkörper-Bein-Koordination dann doch schon etwas fordern. Wurf-und Fangspiele oft. Mit ein wenig herumrennen auch.  Andere fordert es vielleicht etwas mehr als mich. Andere sind aber auch älter oder haben eine Operation am offenen Herzen hinter sich. Oder beides. Andere sind wohl  auch noch nie wie ich aus einem intakten Flugzeug gesprungen, haben weniger Stunden Marschtraining auf der Uhr oder waren allgemein wahrscheinlich eher etwas weniger aktiv als ich. Vorher. Bevor es mich hinten über geworfen hat. Einfach so. Bevor ich wiederbelebt wurde.

Und dann sitzt er wieder da. Der Schreck. Auf der linken Schulter und er grinst. Grinst siegessicher. Trotz Strampeln, Hampeln und Gummibandverbiegen. Trotz stetig steigender Leistungsfähigkeit. Bei jedem Niesen, bei jedem Hüsteln drückt er den Brustkorb schmerzhaft zusammen. Bei jedem Umdrehen im Bett weckt er mich. Oder auch einfach mal so, damit ich nicht durchschlafe. Damit ich das Licht besser eingeschaltet lasse. Dann freut sich der Schreck. Hämisch.

Aber die Runden, die ich draußen um die Klinik gehe, die langsam aber stetig steigende Wattzahl am Ergometer, das Hampeln mit den anderen  in der kleinen Sporthalle, die Sammlung meiner Gedanken, die guten Wünsche auf Karten aus Papier und auch digital hier im Netz, die schubsen ihn. Den Schreck. Weg von der Schulter, über den Buckel. So halb. Noch rutscht er nicht hinunter. Den Buckel. Auch nach einem halben Jahr noch nicht. Aber bald. Bestimmt. Ganz.

Selbst heute möchte der Schreck noch bisweilen, dass ich mal kurz 
einen hohen Blutdruck habe, oder so ein Muskelziehen. 

Im Brustmuskel. Links. Kurz vor dem Einschlafen. Der Arsch!
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11 Antworten zu Schreck

  1. Pingback: Leben | ickemich

  2. Herr Ungewiss schreibt:

    Vielleicht erschrecke ich deinen Schreck mit meinem Schreck und sie erschrecken sich gegenseitig so, dass sie vor Schreck abhanden kommen. Im August. Bis dahin erschrecke dich einfach nicht.

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  3. szensiert schreibt:

    Rutsch Schreck, rutsch!
    Gute Besserung weiterhin!
    Toller Blogpost.

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  4. Kassettenkind schreibt:

    Weiter so! :))

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  5. treknor schreibt:

    ok.. Du warst also mal bei den Fallis.. bist wohl auch mal aus einer CH 130 gesprungen und dann so was.. Jeden von uns würde das erschrecken, aber wenn man so eine Ausbildung hat, wo man lernt sich auf sich selbst zu verlassen und wenn ganz dumm läuft, nur auf sich selbst.. Uff.. das Brett möchte ich nicht bohren..

    Gute Besserung und sag dem Schreck einfach, was ich immer dem schwarzen Hund sage: Nicht heute!

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    • ickemich schreibt:

      Aus einer CH-53, ja. Aus einer C-160 auch, und einigen anderen Maschinen. Aus einer C-130 nicht, aber man kann ja auch nicht alles haben.

      Danke für die guten Wünsche und ja, ich versuche ihn wegzuschicken, bevor er mich wegschickt. :D

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      • treknor schreibt:

        ach ja .. Die CH 53 .. mit dem Sound bin ich aufgewachsen (wohnte in der Nähe von Achum .. :) ) .. kein Thema. ich denke egal was einen quält, es ist wichtig das man zum einen drüber spricht und zum anderen den Humor nicht verliert.

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