Landpartie

KofferGeräumig ist er ja, so ein Kombi. Für meinen mittelgroßen Koffer und die kleine Tasche vielleicht sogar etwas überdimensioniert. Aber nun, besser etwas zu viel Platz, als zu wenig. Es ist nicht mein Auto, hinter dessen Steuer der Kollege sich da gerade klemmt. Ein Firmenwagen.
Die Holde sitzt neben mir auf der Rücksitzbank und beguckt mich kritisch. Ich fühle mich ziemlich erschöpft. Wahrscheinlich sieht sie mir das an. Das Packen meiner sieben Sachen, das Warten auf den Arztbrief hat mich dann doch mehr Kraft gekostet, als gedacht. Wobei meine sieben Sachen eigentlich nur so drei oder vier Sachen sind und der Arztbrief ja auch recht pünktlich fertig war. Selbst der sonst so nervige Papierkrieg in meiner Firma ging trotz des ständigen Hin- und Herverschiebens vom Reha-Beginn erstaunlich weit an mir vorbei. Alles sehr unbürokratisch. Vielleicht war es dann doch einfach nur die Aufregung, die mich heute Vormittag schon so geschafft hat.  So lange bin ja noch nicht auf der Welt. Noch nicht wieder auf der Welt.

Zur Erinnerung und endlich auch mal grob sortiert: Vor elf Tagen blieb mein Herz stehen, flimmerte herum und ich wurde über 45 Minuten schließlich erfolgreich wiederbelebt. Ich bekam am gleichen Abend im Leeraner Herzkatheterlabor einen Stent in die Herzkranzgefäße eingesetzt und wurde dann aus der Narkose geholt. Weil ich nun allerdings, mal ganz vorsichtig ausgedrückt, etwas unkooperativ wurde (ich hoffe, ich habe niemanden ernsthaft verletzt), versetzte man mich in ein künstliches Koma aus dem ich vor sechs Tagen ausgeleitet wurde, woran ich mich seit wiederum fünf Tagen so halbwegs freundlich erinnere. Vorgestern bin ich das erste Mal aus dem Bett aufgestanden, und seitdem recht viel im Krankenhaus herum gelatscht. Einerseits, weil noch einige Tests gemacht werden mussten, andererseits auch ganz einfach weil ich es ja nun konnte. Einmal habe ich es sogar bis in die Cafeteria im Erdgeschoss geschafft, um dort ein Vitamalz zu trinken. Die Holde war deswegen dann doch schon etwas nervös. Gestern entschied es sich dann auch verbindlich, dass es heute bereits in die Rehabilitation geht. Kardiologische Reha in Oldenburg. Ein schneller Termin war mir wichtiger als der  Ort, wobei uns nun beides natürlich sehr entgegen kommt. Mir und meiner Familie.

Klar, dass man da zwischendurch mal etwas schlapp ist, bei so einer Geschwindigkeit.

Seit vorgestern habe ich auch verstärkt damit begonnen, es aufzuschreiben. Alles in eine sinnvolle chronologische Abfolge zu bringen. Mit einigen Menschen auch darüber zu reden. Nachzufragen. Notieren, dass das Belastungs-EKG gestern bei lausigen 70 Watt abgebrochen wurde. Verstehen, was da eigentlich mit mir passiert ist, kann ich zwar noch nicht. Aber feststellen, dass etwas passiert ist, die Fakten dazu sammeln und sortieren.
Jo, das kann ich schon. Schon wieder.

Daran dachte ich aber gar  nicht, als wir endlich auf die Autobahn in Richtung Osten fuhren. Die Fahrt durch Leer hatte ich so gut wie gar nicht wahrgenommen. Zu viele Dinge auf einmal. Alles sehr surreal. Alles findet irgendwie statt und ich bin nur ein Beobachter. Wenn überhaupt. Ich bin ja schon froh, halbwegs schmerzfrei in einem  Auto sitzen zu können.
Die Rippen schmerzten übrigens noch weitere knapp acht Wochen mit nachlassender Intensität. Aber nun, irgendwo musste das Leben ja schließlich wieder herkommen.

Rehabilitation also, so alte Leute finden in ein Leben zurück. Wiederherstellung nach Krankheit. Oder mittendrin. Alte kranke Leute! Nun gut, der Jüngste unter der Sonne bin ich ja auch nicht mehr, aber ALT? Krank? Andererseits war in meinem Körper wohl doch irgendwas gehörig dörnanner. Vielleicht ganz sinnvoll, alles mal etwas zu sortieren. Unter Aufsicht. Das war mir selbst wichtig, aber auch der Familie. Allen voran der Frau. Die medizinische Aufsicht. Verständlich.

Reha-Patienten kannte ich aus der Kurklinik in Mecklenburg, in der ich Ende 2010 mal eine Präventivkur machte. Beiläufig, vom Sehen nur.
Schlaganfall und Herzinfarkt waren damals so sehr weit weg für mich. Damals?
Nun war ich plötzlich selbst so einer. So ein Reha-Patient. Nur gut fünf Jahre später.

Leben, EY!

Vielleicht, wenn ich es als Herausforderung sah? Eine Herausforderung, nun doch alt zu werden. Wieder der Alte zu werden. Erstmal? Dazu werde ich wohl besser nach vorne blicken, nicht so oft zurück. Ab und zu , ja. Manchmal lerne ich ja was draus. Aber viel öfter nach vorne, in die Zukunft. Oder wenigstens zur Seite. Nach links oder rechts. Es gibt sicher noch einiges zu entdecken.

Aus dem Seitenfenster mal den Blick über das Land schweifen lassen. Es ist freundlich für fast Mitte Dezember. Es liegt auch kein Schnee, und das hätte mich auch sehr gewundert, hier im Nordwesten der Republik.
Schloote und Kanäle durchziehen das flache Land. Die Wallhecken bremsen immer wieder den Wind etwas. Ganz krumm stehen sie da, die Heckenbüsche da auf ihren Wällen. Ab und zu erkennt man dazwischen noch Reste von Bodennebel. Nicht, dass ich das alles vorher noch nie gesehen hätte. Die Intensität ist heute eine ganz andere und es liegt ganz sicher nicht am besonderen Licht. Ich nicke kurz ein, schrecke aber auch gleich wieder hoch, will die Holde nicht unnötig ängstigen. Sie hatte schon genug Angst in den letzten eineinhalb Wochen, den letzten elf Tagen. Schrecken auch. Viel.

Gleich hinter Filsum, der Nordgeorgsfehnkanal steht voller Wasser. Da ist sogar Wasser ganz aus Wiesmoor drin. An Apen/Remels sind wir dann auch gleich schon vorbei, Ostfriesland fast zu Ende. Bloß nicht von der Welt runterfallen. Nicht jetzt, wo ich doch schon elf Tage länger lebe, als gedacht.  Tage, die ich mir vor fünf Tagen selbst noch gar nicht zugetraut hätte. So ein zweites Leben kann schon sehr verwirrend sein. Für alle Beteiligten. Nach vorne schauen.
Die Norderbäke kurz vor Westerstede führt auch ordentlich Wasser.  Na ja, in Leer hat es die letzten Tage viel geregnet. Hier im Ammerland sicher auch.

Bei Bad Zwischenahn kommt die Sonne raus. In Zwischenahn und umzu waren wir auch schon eine Weile nicht mehr. Und dann kommt ja auch schon gleich Wechloy, Oldenburg-Wechloy. Nicht mehr lange bis zur Reha Klinik in Kreyenbrück. Oldenburg-Kreyenbrück. Hinter Oldenburg stehen auch noch Häuser. Ostfriesen wissen das mittlerweile. Aber dort wollen wir nicht hin. Nicht heute.

Ich kann mich an das Oldenburger Klinikum nur sehr vage erinnern, wir waren mit der Tochter mal dort wegen irgendwas. Oder zumindest in der Nähe. Dort soll auch irgendwo das Reha-Zentrum sein. Die Patienten würden dort mit Handschlag begrüßt, hat mir jemand zugeraunt. Der Kutscher kennt den Weg. Da, die Ausfahrt.
Ach ja, die Cloppenburger Straße, natürlich. Jetzt weiß ich auch, wohin es geht. Auf meine Ortskenntnis kann ich mich also immer noch verlassen. Gut, gut.

Wir umkurven den  Hubschrauberlandeplatz vom Klinikum, vorbei an Großparkplätzen, bis zum Ende einer schmalen Sackgasse. Dort ist ein kleiner Wendehammer direkt vor dem Eingang, und einige Kurzzeitparkplätze auch. Wir sind am Ziel. Links voraus kokelt so ein Aschenbecher vor sich hin. Knapp außerhalb des Klinikgeländes. Jenseits des Fußweges. Die Holde rollt meinen Koffer zur Drehtür. Etwas Rauch vom brennenden Ascher zieht in meine Richtung. Stinkend.

Erste Eindrücke kann man nicht wiederholen.

Heute vor einem halben Jahr begannen für mich vier Wochen 
Reha-Klinik-Aufenthalt und brachten mich dann doch weiter, 
als mich der erste Eindruck glauben ließ.
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