Schritte

P6068231Die Beine seitlich aus dem Bett raus und auf die Bettkante setzen. Einfach!
»Machen sie aber bitte ganz langsam! Ja?!« Die junge Krankenschwester schätzt meine Geschwindigkeit da wohl viel zu hoch ein. Ächzend wälze ich mich mit dem Bein vorsichtig etwas über die Hüfte und zurück auf meine linke Gesäßhälfte. So halb geschwungen. Sieht bescheidener aus, als es klingt.  Mit dem linken Arm abstützen, und schon war es das dann auch erst einmal. Alles Pulver verschossen. Dabei hatte es doch heute zum Frühstück schon ganz gut geklappt. Wesentlich besser als noch gestern Abend.

Der Schlauch zwischen den Beinen stört mittlerweile gewaltig. Wie soll das denn so auch vernünftig gehen? Heute Abend kommt der raus. Bis dahin hat sich das mit der Bettpfanne hoffentlich ebenfalls erledigt. Der Kackstuhl auch. In den muss man ja auch zunächst hineinkommen mit dem ganzen Schlauch- und Kabelgetüddel am Körper. Und dann auch wieder heraus. Immer mit der Hilfe von anderen. Allein geht das ja nicht. Auch so etwas, an was ich mich in sieben kalten Wintern nicht gewöhnen werde.

Erst muss ich nun aber mal aufstehen können. Irgendwie.

Also nochmal versuchen hinzusetzen, vielleicht kann ich ja dann auch bald duschen gehen. Duschen wäre schon toll. Aber langsam. Besser sichtbare Ziele setzen. Erstmal auf die Bettkante setzen können. Selbst. Einfach nur so. Nur eben mal die Beine baumeln lassen. Bin ja auch noch am EKG verkabelt… der Schlauch kommt weg, dann aufstehen. Mal sehen, wenn ich den Nachmittagsdienst bequatsche… Nun aber ausruhen.

Im  Fernseher an der Wand dudelt ein Nachrichtenkanal, irgendeine Doku über Kraftwerke und Stromleitungen. Ich versuche dem Nachrichtenticker ganz unten im Bild zu folgen. Zu verstehen, was dort genau steht. Nach vier oder fünf Durchläufen habe ich es. Schneller als gestern.
Gestern war Montag und die Notärztin hatte mich im Zimmer  besucht. Die, die mich herunter gekühlt hat. Meinen Körper auf 34 Grad Celsius. Damit mein Hirn in den Kammergeflimmer- und Herzstillstandphasen etwas weniger Schaden nimmt. Ich hinterher nicht noch mehr einen an der Batterie habe, als sowieso schon. Das ist ihr ganz hervorragend gelungen. Über 45 Minuten lang.
Toll, die Frau! Kann meinetwegen sofort Oberfrau werden!

Die Lungenentzündung wird schon wieder. Dafür gibt es Antibiotika und ich  brauche nicht in der neurologischen Früh-Reha töpfern. Mein Abitur darf ich wohl sogar auch behalten, sagte der Neurologe nach der Untersuchung heute. Dann wird es wohl bald eine Herz-Kreislauf-Reha. Egal, nur bald raus hier. Raus aus diesem Bett. Termin vor Ort, aber Oldenburg wäre schon ganz nett.

Ich schrecke aus dem Halbschlaf hoch, jemand wird im Zimmer einquartiert. Meine Frau schläft seit gestern schon wieder daheim, nun bekomme ich dauernd irgendwelche Bettnachbarn. Immer nur temporär, wie es scheint. Gestern war es zumindest noch jemand anderes. Etwas liegen, dann will ich noch einmal versuchen, mich aufzusetzen. Dieses Sauerstoffblubbergerät vom Neuen nervt mich nach zwei Minuten schon. Laut sind auch die Bauarbeiter, die seit einem Tag wieder am Hubschrauberlandeplatz über uns herumbasteln. Dazu muss man sicher durch jede Wand des Hauses nachträglich mehrere dicke Stahlträger rammen. Von ganz oben, nach ganz unten. Einzeln. Mitten durch. Vorher extra bohren.  So hört es sich zumindest manchmal an.

Als meine Frau ins Zimmer kommt, sitze ich auf der Bettkante und starre auf meine Füße. Sie schiebt mir überrascht meine Crocs™ hin. Die hatte ich schon mit in Afghanistan. Die Crocs™ , nicht die Holde.
Ob ich wohl kurz mit ihr in die Cafeteria kommen möchte? Lachen tut mir etwas weh im Brustkorb, aber mehr noch tut es mir gerade auch sehr gut.

Nochmal heiraten kann ich die nicht, oder? Würde ich aber. Sofort!

Zur Toilette möchte ich wohl gerne gehen, mir den Schieber ersparen. Sie holt eine der Schwestern. »Jo, in Ordnung. Ich mache Ihnen Ihr EKG mal kurz ab. Aber die Tür nicht abschließen, hörnse?! Und immer schön festhalten. Und auch schön l a n g s a m! JA?!«

Ich hab mich da wohl gerade nicht verhört… und dieser Urinbeutel hier?

»Laufense erst mal langsam los.«, und weg ist sie wieder. Die Schwester.
Die Holde schaut dafür sehr unsicher. Sie will das eigentlich nicht, ich kann es ihr an der Nasenspitze ablesen.

Ich schlüpfe nun doch in die Crocs™. Zuerst hinstellen und dann auch stehen bleiben. Ruhig. Das Gleichgewicht finden. Die Knie sind etwas steif. Alles etwas zittrig. Das Vertrauen in die eigenen Beine ist wohl schwächer als die Beine selbst.
Dann ordentlich am Schrank festhalten und losrennen. Stopp! – den Beutel noch mitnehmen. Die rechte Hand sucht sich den festen Halt, am linken Arm hängt der Beutel herunter. So muss sich dieser Neil Armstrong also vor seinem großen Schritt für die Menschheit gefühlt haben.

Mein Sarkasmus wäre somit also auch wieder zurück. Schön! Darüber werden sich ja nun alle sehr freuen. Oh! Schon wieder.

Ach ja, laufen wollte ich ja noch gehen. Okay, nur gehen. Ohne laufen.  Na ja, schlurfen wird es dann. Schlurfschritte in Richtung Nasszelle.  Alles mögliche dabei festhalten, damit es ja nicht umkippt auf dem Weg dorthin. Die Wände zum Beispiel. Insgesamt bestimmt mehr als vier Meter. Knapp fünf vielleicht. Ein Op-Hemd ist nun mal kein Speed-Dress, und ein alter Mann auch kein D-Zug. Vor fünf Tagen lag ich noch im künstlichen Koma, vor neun Tagen war ich dem Tod wesentlich näher als dem Leben. Jetzt bloß nicht hinfallen. Wie sähe das denn wieder aus?

Sooo, noch langsam rückwärts einparken und seit nun fast zehn Tagen sitze ich erstmals wieder auf einer richtigen Toilette. Etwas höher als daheim, aber ganz normal.
Ich denke nicht, dass sich Neil Armstrong jemals so überragend gefühlt hat. Klar, so was Tolles hatten die damals auf dem Mond ja auch gar nicht. Die Holde staunt derweil ein paar mittelgroße, kunterbunte Bauklötze vor der geschlossenen Tür. Hoffentlich stolpere ich auf dem Rückweg da nicht noch unsanft drüber.

Endlich wieder zurück im Bett verschlafe ich dann auch gleich mal fast das Mittagessen. Dabei brauche ich doch die Kalorien ganz besonders dringend. Jetzt, seitdem ich hier wieder so herumlaufe.

Eine Schwester der Nachmittagsschicht lässt sich auch tatsächlich bequatschen, den Schlauch bei drei (also schon bei eins-zwei, klar!) zu ziehen. Duschen mache ich dann aber morgen erst. Vielleicht. Der Holden geht das alles immer noch viel zu schnell, und je mehr Details ich über den diesjährigen Dezemberanfang erfahre, geht es mir da ganz ähnlich.
Die Fortschritte rasen nahezu. Alles aufschreiben muss ich das langsam auch mal. Wann hier was passiert ist. Mit mir. Und den anderen. Den ganzen Menschen. Freunden, Kollegen, Familie. Auch den Menschen da im Netz. Einige hatten sich ja gemeldet. Machten sich Sorgen. Ob ich wohl mittlerweile allen geantwortet habe?

Die richtigen Tasten treffe ich auf dem kleinen Telefon ja nicht immer. Noch nicht. Hoffentlich können die das da draußen trotzdem lesen. Ich könnte ja auch die Tochter weiter antworten lassen. Oder nee, doch nicht.
Es wird Zeit, die Kontrolle wieder selbst zu übernehmen, und Danke! zu sagen.
Schritt für Schritt.

Die Schritte sind nach dem Aufwachen mehr geworden. Fast eine 
Million sagt der Schrittzähler. Auch ein paar Schritte
zurück waren mal dabei. Die meisten aber deutlich nach vorn.

Einige dieser Schritte vergisst man wohl nie wieder.
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Eine Antwort zu Schritte

  1. Locke72 schreibt:

    Hat dies auf Locke's Welt rebloggt.

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