Verschieben

P6058226Aufwachen und sofort realisieren wer und wo man ist, fiel mir auch schon mal leichter. Wesentlich leichter. Bevor das passiert ist. Bevor sich alles verschob. Was ist überhaupt genau passiert?
Die Frau bei mir im Zimmer scheint tatsächlich die mir angetraute zu sein, und ich bin wohl doch gar nicht so tot.
Es wird wohl einen triftigen Grund haben, dass ich in einem Krankenhausbett liege und mich kaum rühren kann. Einen guten Grund für das Pfeifen in meinem linken Ohr und den fetten Schlauch da in meinem Penis. Einen leicht nachvollziehbaren, sicherlich ausreichend schwerwiegenden und auch sehr logischen Grund.  Bitte!

Vielleicht weiß die Holde ja etwas. Ich frage sie nachher. Sie schläft jetzt. Ich bekomme die Augen gerade nicht wieder so gut zu.
Arme und Beine kann ich bewegen, den Kopf zur Seite drehen. Auch zur anderen Seite. Gut, gut. Mal mit den Füßen gegen das Brett am Bettende drücken… okay, da fehlt noch etwas die Kraft. Wenigstens nicht gefesselt. Nochmal versuchen. Der Körper leicht verschieben. Und nun Durst. Trinken ist ja auch wichtig.

Auf dem Schränkchen neben mir steht so ein Schnabelbecher, fast leer. Der stand doch gestern auch schon da, oder? Und eine Wasserflasche. Zu weit weg. Ich verschiebe mich etwas im Bett. Nun liege ich günstiger. Etwas. Am Infusionsständer hängt nichts dran, Kabel gehen zu einem Monitor. Über mir so ein Greifdings am Galgen.
Auf die Seite drehen geht nicht, zu große Schmerzen im Brustbereich. Die Rippen, oder das Brustbein, oder beides. Atmen geht aber. Ein und aus. Auf dem Rücken. Ich angele  mir den Becher mit der linken Hand, schiebe mir den Plastikschnabel zwischen die Lippen, kippe den Kopf etwas nach hinten. Trinke. Etwas Wasser tropft auf meinem Mundwinkel auf das Op-Hemd. Auch sehr kleidsam, das Teil. Rücken- und arschfrei. Keine Anti-Thrombose-Strümpfe an den Beinen, aber dieser Blasen-Katheterschlauch da, der muss beizeiten wieder weg. Das geht so ja nicht.

Die Holde schaut verschlafen aus dem Nachbarbett zu mir rüber, während ich mich sehr erfolglos bemühe, den Deckel vom Becher abzubekommen.
Sie macht das dann letztendlich für mich und füllt aus der Flasche auch gleich Wasser nach. Gierig trinke ich. Auf Vorrat, wer weiß wann es wieder… Quatsch, nee?! Fragen wollte ich sie doch auch noch etwas.
Vor dem Fenster ist es dunkel, nur Kunstlicht von irgendwoher. Ich habe meine Uhr nicht um. »Gleich halb fünf.« höre ich sie sagen. Ich kann es nicht nachprüfen. Schlafe bis zum Frühstück wieder ein. Na ja, fast bis zum Frühstück. Ohne nach etwas zu fragen. Hab wohl Schiss vor der Antwort.

Kaffee? Ja gerne, Brötchen auch. Eins. Und Joghurt.
Halb werde ich gefüttert, halb kleckere ich schon allein herum. Brötchen mit Honig. Es ist Nikolaustag. Ich trinke zwischendurch immer wieder aus meinem Schnabelbecher. Eine normale Kaffeetasse war keine so gute Idee. Ansprüche verschieben sich da dann auch. Schnell sogar. Wasser ist auch lecker, und besser als heißer Kaffee. Es hilft zu schlucken.
Ob ich diese Tabletten hier selbst herunter bekomme? Jo, mit viel Wasser. Das Schlucken reizt den Hals, zieht im Brustkorb stark nach. Husten oder Niesen verursacht dort  Schmerzen aus der Hölle… oder zumindest nah dran. Das kommt von der Reanimation, erfahre ich. Von der Herzdruckmassage. Mehr will ich gar nicht wissen. Etwas vorbeugen hilft. Mit dem Oberkörper ganz nach vorne. So weit es geht. Die ganz dicken Pillen zuerst.

Ich wollte doch gestern noch irgendwas aufschreiben. Vielleicht kann ich das ja ins Telefon tippen. In dieses Evernote. Ich habe gar kein Telefon hier und frage meine Frau danach. Sie will es mir heute Nachmittag dann mitbringen und was ich sonst noch so brauche, sagt sie. Ein Notizbuch, einen Bleistift, das Ladegerät. Nicht das vom Bleistift, das vom Telefon. Sie lächelt etwas. Und das Ladegerät von der Uhr auch, und  die Uhr dazu bitte. Oder nee, irgendeine andere Uhr. Eine Armbanduhr. Bitte.  Sie schreibt es sich alles auf.  Liegt im Schreibtisch daheim rechts oder links. Sie schaut mich staunend an. Da war ich wohl etwas zu genau.

Die Tür geht auf, ich bin sofort alarmiert. Das Frühstück ist ja schon längst weggeräumt. Düstere Bilder steigen in meinem Kopf auf. Nicht gut. Zwei meiner Kollegen gucken vorsichtig grinsend um die Ecke. Puh, bloß gut. Dieser Bereich wäre schon mal sicher. Auf der anderen Seite hockt die Holde. Da ist dann ja auch nichts zu befürchten. Ich verschiebe mich unauffällig wieder mehr in die Mitte meines Bettes und entspanne meine Wadenmuskulatur. Gut, dass ich noch lebe… ja, was denn auch sonst? Ich starre fasziniert auf die rotierenden rot/gelben Muster an der Wand und schlafe völlig unhöflich ein. Alle meine Fragen und die Antworten darauf verschiebe ich somit.

Es ist still. Ich reiße die Augen auf, meine Frau ist weg. Die Kollegen auch. Mein Puls geht hoch, in der einen Zimmerecke sitzt eine gute Freundin. Sie legt ihr Buch zur Seite. Die Holde wäre nur kurz nach Hause gefahren, um etwas zu holen. Etwas Wäsche und was ich noch so haben wollte. Ich soll mir keinen Kopf machen, es ist alles gut. Die Kinder bringt sie auch mit. Oma und Opa hätten sich derweil um die beiden gekümmert. Alles wäre gut. Sie wiederholt es fast wie ein Mantra. Es sind keine Muster mehr an der Wand. Vielleicht ist ja nun wirklich alles gut.

Sicherheitshalber prüfe ich abermals meine Arme und Beine. Die lassen sich genauso bewegen wie mein Kopf. Ich muss etwas husten… okay, dieser gewaltige Schmerz ist auch noch da. Das hätte nun nicht unbedingt gemusst. Da ist sicher ordentlich was kaputt. An Flucht wohl nicht zu denken. Sie sieht besorgt aus. Warum wollte ich gleich noch fliehen? Mit dem Schlauch da zwischen den Beinen. Und den kaputten Rippen. Blödsinn. Vor wem denn auch?
Ich möchte mich entschuldigen, sage aber nur leise „Danke“. Das meine ich auch so, und sie hat wohl so gar keine Ahnung warum ich mich bedanke. Nur nicht allein sein, jemanden da haben, den man kennt. Das ist schon was. Sie möchte eine rauchen gehen. Rauchen? Ich bin doch auch Raucher. Ist sicher gerade etwas schlecht jetzt. Sie verspricht gleich wieder zu kommen. Ich glaub ihr das.

Ich bewege mich etwas, spanne die Beinmuskeln an und halte die Spannung ein paar Sekunden. Stemme mich leicht gegen das Fußende des Bettes. Verschiebe mich damit wieder nach oben. Wenig. Stetig, immer wieder. Einfach machen. Die Position verändern. Wieder auf die Beine kommen, die Kontrolle zurückgewinnen. Den Schlauch da unten loswerden. Erstes Ziel.
Ein Pfarrer steht an meinem Bett, stellt sich als Notfallseelsorger vor. Der von vor einer Woche bei mir daheim. Er hätte ja so lange nur im Streifenwagen gesessen. Zur Sicherheit. Wollte heute auch nur kurz schauen, wie es mir geht und beste Wünsche da lassen. Gut, gut.

Ich weiß auch nicht genau warum meine Augenwinkel zu schwitzen beginnen, als meine Frau mit den beiden Kindern ins Zimmer kommt. Irgendwie ahne ich, dass sich in den letzten Tagen einige Dinge in meinem Leben mächtig verschoben haben, und ich mich wohl auch mit ihnen. Ich drücke die drei so fest ich kann. Ist ja noch nicht sehr fest. Nacheinander geht es aber.
Das Notizbuch bleibt auch am zweiten Advent fast leer, kaum noch die Kraft um etwas hineinzukritzeln, die Gedankensammlung viel zu wirr. Fiktion und Realität nicht klar getrennt. Alles verschiebt sich dauernd. Das Smartphone wandert in die Schublade. Hat auch Zeit bis morgen. Oder länger.

Zweiter Tag nach dem Aufwachen. 
Seit sechs Monaten lebe ich mit den Verschiebungen.
Es geht ganz gut, dieses Leben.

 

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Eine Antwort zu Verschieben

  1. Der S. schreibt:

    Ganz schön heftig.

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