Morgen

P6048224Der Typ, der sich da über mein Gesicht beugt, kommt mir bekannt vor. Sehr bekannt. Einer meiner Kollegen. Er sagt seinen Namen, stellt sich vor.  Warum so förmlich? Ich kenne ihn doch. Was will er hier?

Ich schicke ihn weg. Er passt hier nicht hin. Her passt er hier auch nicht. Keinesfalls. Nicht in diese Situation hier. Nicht an diesen Ort hier. Die können doch nicht alle gekauft haben? Oder doch? Wer sind die überhaupt? Warum machen die das?
Bevor er geht, sage ich ihm noch, dass ich in eine andere Klinik verlegt werden möchte. ASAP!  Ich sag ihm auch in welche. Er grinst?!

Meine Frau kommt mit ihrem Bruder rein. Sie war auch durch irgendwen angekündigt. Wie schon so oft. Heute trägt sie keine Ohrringe, so wie sonst ja auch immer nicht. In den letzten Tagen war das manchmal anders, da trugen einige der Frauen, die mir als die meine vorgestellt wurden, Ohrringe.  Manche sahen auch völlig anders aus. TZÄ!
So schnell lass ich mich da ja nicht hinters Licht führen. Lieber doch noch eine Ausweiskontrolle bei der hier machen. Sie hat ihren Ausweis dabei, mein Schwager heute nicht. Ich werde wieder etwas misstrauischer. Vielleicht ist sie es ja doch, aber er…?
Dann bewegt sich plötzlich das Bett…

…irgendjemand sagt, dass ich nun auf die normale Station komme. Da war ich doch schon, im Dachgeschoss… auf der großen Terrasse… ach nee, andere Realität. Eine Realität, die sich mein Hirn im künstlichen Koma der letzten Tage selbst zusammen gesponnen hat. Meine Erinnerung an Details dieser Parallelwelt verblasst seit nunmehr einem halben Jahr immer mehr und ich bin deswegen nicht sonderlich traurig. Soweit war ich damals aber noch lange nicht. Ich wurde im Bett über Krankenhausgänge gerollt.

Scheinbar war ich wohl zumindest wach. Irgendwie wieder aufgewacht aus einer anderen Realität… aufgewacht aus… einem Traum? Einem Albtraum? Alle finden das recht toll und erscheinen mir sehr erleichtert. Echt erleichtert, nicht gespielt. Warum, das weiß ich nicht so richtig, aber das Muster an der Tapete in meinem Zimmer bewegt sich. Cool!
Die Käfer auf der Bettdecke rollen sich zu einer kleinen Metallkugel zusammen, wenn man sie anstupst und klickern dann auf den Boden. Das ist lustig.
Oder es sind doch nur die Nachwirkungen der Drogen in meinem Körper, da sind keine Muster auf den Tapeten, und es bewegt sich auch nichts. Keine Käfer?  Ach ja, lustig.

Schlafen ist dann schon nicht mehr so lustig. Die Bilder aus der anderen, dieser sehr lebensfeindlichen Welt sind doch noch stark präsent und ich möchte die kleine, gerade erst zurückgewonnene Kontrolle über diese, die  richtige Welt? nur sehr ungern abgeben. Also besser erst einmal wieder hochschrecken. Immer wieder aufwachen. Jetzt bloß nicht nochmal sterben.  Wach bleiben. Morgen wird das sicher besser. Morgen. Ja.

Die Holde quartiert sich in meinem Krankenzimmer ein. Lässt mich kaum mehr aus den Augen. Sie muss ja auch höllisch aufpassen. Hier im Klinikum rennen so einige Irre herum, die … ach nee, das war in der Parallelwelt. Im Traum. Diese kranken Vermummten überall. Nur ein Traum. Ich erzähle der Frau sicherheitshalber doch von den ganzen Irren, dann ist sie zumindest gewarnt. Sie schaut mich milde lächelnd an. Es tut gut, jetzt nicht wieder allein sein zu müssen.

Eine gute Freundin wechselt sich zunächst mit der Holden ab. Die Kinder sind auch ganz kurz da. Präsent sind sie nicht wirklich, dafür bin ich zu verwirrt. Etwas Schlaf holt sich der Körper dann doch. Liegenbleiben muss ich ja sowieso. Geht mit den ganzen Anschlüssen auch gar nicht anders. Was passiert ist, entzieht sich immer noch meiner Kenntnis. Fast eine ganze Woche scheint ganz diffus ohne mich stattgefunden zu haben, wenn ich das alles richtig verstanden habe. Ich möchte es irgendwo aufschreiben können, es ordnen, einsortieren, bewerten, dann handeln. Andererseits bin ich aber auch müde. Sehr müde.

Eine Infusion wird angeschlossen, wieder wach. Wo bin ich? Und warum? Ich muss mir das unbedingt alles aufschreiben. Vergesse es zu schnell. Das Nachtlicht ist nur sehr schwach. Die Tapetenmuster bestehen aus so kleinen hellroten… tschja… Ameisen? Die Holde hält meine linke Hand fest. Ganz fest. Morgen wird das besser.

Morgen ist Nikolaustag, der zweite Advent 2015. Bis morgen wird hier nicht gestorben.
Erst mal nicht. Hoffentlich nicht.

Nee, versprochen! Mir selbst. Bis morgen.

Erster Tag von noch vielen. 
Heute vor sechs Monaten bin ich wieder aufgewacht.

 

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10 Antworten zu Morgen

  1. Pingback: Herzverstopfung | ickemich

  2. Pingback: Leben | ickemich

  3. Locke72 schreibt:

    Hat dies auf Locke's Welt rebloggt.

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  4. Biene schreibt:

    Du hast eine Art so schön, über so etwas schlimmes zu schreiben. Ich bin sehr froh, dass es dir wieder besser geht…. oder gut, hoffentlich sehr gut.

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    • ickemich schreibt:

      Mit dem halben Jahr Abstand und den guten Fortschritten die ich in der Zeit gemacht habe ist das Schlimme nicht mehr ganz so schlimm.

      Und ja, danke – Es geht mir recht gut. Klagen könnte ich nur auf einem sehr hohen Niveau. Aber ich mach ja nicht mehr alles, was ich könnte. :)

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  5. ladyfromhamburg schreibt:

    Das war nicht ohne … Allein deine Eindrücke und Empfindungen jetzt nachträglich (wo es dir zum Glück wesentlich besser geht) zu lesen, reichen aus, dass einem ganz mau wird.
    Mensch, Mensch, was kann man dankbar sein, dass es ein gutes Ende genommen hat …

    LG Michèle

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    • ickemich schreibt:

      Ja, den zeitlichen Abstand hat es auch gebraucht. Manchmal wird mir heute noch ganz mau deswegen. Nur kurz.

      Und ja, es ist schon wesentlich besser jetzt. Bloß gut.

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  6. Myriade schreibt:

    Starker Text !!

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  7. omenanto schreibt:

    Hat dies auf omenanto rebloggt.

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