Tollpatsch

Der Blogideekasten hat am vergangenen Wochenende zum Thema Schlüsselmomente aufgerufen. Da gab es in meinem Leben nun sicher einige. Positive und negative. Zwei dieser positiven Momente tippe ich heute dann mal in dieses Internet hier. Ohne Bild, denn diese beiden Momente kann man definitiv nicht in einem Bild festhalten. Nicht einmal ansatzweise. Nie.

Das Telefon klingelt, eher halbwach höre ich »… Fruchtblase geplatzt … Krankenhaus … fahre … mit Mama…«.
Wach! »Ich komm dann!«
Hose an, der Radiowecker zeigt  hämisch 04:02 Uhr. Papiere, drei Sachen in den Rucksack, ab zum Auto. Zündschlüssel rein, raus aus der Stadt. Gas geben.
A48 durch den Westerwald. Dernbacher Dreieck – A3 Richtung Norden. Die Tachonadel zittert sich bei 220 ein. Mittlere Spur. Linke Spur. Lichthupe. Hennef fliegt rechts vorbei, Siegburg und Köln links, Leverkusen, Solingen, Düsseldo…Duisb… Oh! Schon Oberhausen.
A2 bis Bottrop, dann auf den Friesenspieß. Die Auffahrt auf die A31 geht mit knapp 120km/h. Mehr nicht, Kurve zu eng. Hochbeschleunigen, bis kurz vor Ochtrup halten. Autobahnlücke, ab auf die Bundesstraße. In Wietmarschen, Tankstopp. Die Heizerei zieht eben Sprit. Weiter! Bei Geeste wieder auf die Autobahn. Die gute halbe Stunde Baulücke in 20 Minuten geschafft. Trotz tanken. Noch mal konzentrieren. Das Ende nicht verpassen. Rot umrandete Schilder gelten doch nur Sonntags, oder?
Meppen, Rhede, Papenburg, Weener, Leer, Riepe.
Emden, Seehafenstadt – Ende der A31.
Einparken im Halteverbot. Kreißsaal, die Frau ist schon zu hören. Zwei weitere Frauen dort, Schwester Dings und Hebamme Bumms. Die Holde keucht dazwischen, keine PDA. Da ist irgendwas falsch gelaufen. Vielleicht die Schichtübergabe vorhin um sieben? Egal, Presswehen. Jetzt.
Schweiß tupfen, Kopf halten, Hand quetschen lassen. Fingernägel, die unter die Haut gehen. Meine Haut. Ich möchte nicht tauschen. Oder doch? Kann man nicht halbieren, den Schmerz. Leider. Gut zureden ist nur sehr wenig. Aber etwas. Tränen wischen auch. Nicht meine. Dann der Kopf. Das Kind, das Mädchen. Unser Mädchen an der Nabelschnur. Die Holde erschöpft. Minuten später halte ich das Menschlein in die Badewanne. Erstmalig. Die Hebamme zeigt mir kurz wie, und geht dann. Ich achte auf das Köpfchen auf meinem Unterarm. Halte ihren linken Oberarm ganz vorsichtig fest. Wasche mit handwarmen Wasser etwas tollpatschig die Strapazen der Geburt von dem winzigen Körper. Im Radio läuft „Supergirl“.

Das Handy klingelt.
05:13 Uhr – die Sonne will gerade aufgehen.
»Jetzt könnense herkommen, lassense sich aber ruhig was Zeit, trinkense noch nen Kaffee, fahrnse mal ganz in Ruhe her.«
Na endlich, schon zwei Tage drüber. Hose an, kurz zum kleinen Mädchen hoch, alles gut. Schwiegermutter ist ja auch noch da. Kein Kaffee.
Einfahrt rückwärts raus, aus der Siedlung rauskurven. Die Autouhr sagt 05:23 Uhr. Vorfahrt gewähren. Das Telefon klingelt, »Wo bleibense denn? – beeilnse sich mal lieber- geht gleich lohos!«
Das Gaspedal presst sich ins Bodenblech, ganz von allein. Verrückt!
Kaum Verkehr, einparken. Türklingel. Gemächlich eingelassen werden, ab auf Station. Werde schon erwartet. Die Einleitung von gestern Abend würde nun wohl doch was werden. Noch liegt die Holde recht entspannt im Saal herum, bis zur nächsten Wehe.
Hand halten, Schweiß abtupfen, da sein. Kenn ich. Eine junge Anästhesistin steht mit verschlafenen Augen und Strubbelfrisur im Raum, »Oh! Da bin ich jetzt ja wohl überflüssig.«
Jo. Sie geht dann auch gleich wieder. Besser ist das.
Presswehen nach einer knappen Viertelstunde. Keuchend. Fingernägel im Fleisch. Festhalten.
Ein kleiner Kopf, ein Körper. Unser Junge hängt noch kurz an der Nabelschnur. Dann nicht mehr. Die Holde will ihn haben. Soll sie, hat ihn ja nun auch lange genug mit sich herumgeschleppt. Waschen werde ich ihn dann aber gleich. Wieder allein. Wohl wieder etwas tollpatschig.
Im Radio läuft „From Zero to Hero „.

Das kleine Mädchen wird in diesem Jahr fünfzehn, der Junge ist bereits zehn Jahre alt. Manchmal legen sie ihren Kopf auf einen meiner Unterarme.

Diese Momente möchte ich nicht missen.

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4 Antworten zu Tollpatsch

  1. ladyfromhamburg schreibt:

    Habe auch Gänsehaut.
    (Das sind diese Situationen und Momente, die man sein Leben lang nicht vergisst.)
    Jetzt muss ich erstmal ein Taschentuch finden …

    LG Michèle

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  2. thewildflower72 schreibt:

    Gänsehaut. Wunderschön erzählt <3

    Gefällt 4 Personen

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