Pausenhof

Der digitale Pausenhof mitten im realen Leben. Die virtuelle Blase, in die man sich flüchtet begibt, wenn es pausiert. Das Leben. Oder mal nicht ausreicht, das normale, reale Leben. Das fordern und gefordert werden. Dann geht man eben auf diesen Pausenhof.
Schaut, was die anderen so tun. Stellt sich in einer Ecke mit dazu. In seiner Ecke. Nennen wir diese Ecke einfach mal Timeline.

Man sagt „Moin!“, oder so etwas in der Art. Der einzigen Frau in Sachsen, die keine Schleifen kann, oder demjenigen, der allenthalben einen Tweet zu Schnapszahluhrzeiten schreibt. Oft. Allen, die es hören wollen, und können. Man hört auch kurz selbst zu. Dem Schweigen von Telefonen zum Beispiel. Schaut über ein Foto in einen Fahrstuhl. Achtung acht! Das Bruttosozialprodukt abheften, wissta bescheid!

Man wundert sich kaum, wenn ein alter Kater-Opi vergessen hat, dass er etwas fressen wollte. Irgendwas mit Vögeln und Würmern. Palaver. Smalltalk. Pärchenscheiße und Trennungskram. Kaffee, immer wieder Kaffee. Zwischendurch mal schöne Wörter. Pärchenkram und Trennungsscheiße. Stilblüten, Normalitäten. Kinder und Katzen. Auch Katzenkinder. Wortspielereien. Virtuelle Medikamente werden ausgeteilt. Auch Anteil genommen. Emotionen kochen hoch, manchmal über und auch wieder runter. Da drüben gibt es kurz Streit. Gegenüber knutschen zwei. Pokal!
Der Pausenhofclown schaut etwas traurig heute. Vielleicht kommt er ja morgen nicht mehr raus, zu uns hier auf den Hof. Wie die, die schon lange vor ihm gegangen sind. Aus Gründen. Und wiederkamen, aus anderen Gründen.

Derweil werden Fotos herumgezeigt. Von Dingen, die eben so hergezeigt werden. Viel Essen dabei. Nicht die Stadt. Einmal in der Woche gibt es Fotos sogar zu einem bestimmten Thema. In jeder Woche.
Oder vier-/ fünfmal, wenn man nominiert ist.  Ja, die Peer Group nominiert schon mal den einen, oder auch mal die andere, für irgendwas. Auch die gerade erst gestern Eingeschulten. Gemobbt wird eher selten. Aber auch, leider. Trotz Filterblase und Blockliste.

Und dann klingelt es und man geht wieder in seine Klasse des wirklichen Lebens. Bis zur nächsten Pause. Vielleicht. Falls etwas im Fernsehen kommt. Irgendwas ist ja immer.
Auf so einem Pausenhof.

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6 Antworten zu Pausenhof

  1. Pingback: Dings | ickemich

  2. sandyseeber schreibt:

    Ein schönes mit Worten gezeichnetes Bild, das mir meine Pause gerade besonders angenehm macht. 😊

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  3. ladyfromhamburg schreibt:

    Ich hab nach einigen Jahren quasi den Pausenhof gewechselt. Umschulung. Neue Schule, neue Klasse, aber gleich nebenan. Man kann über den Zaun gucken.
    Ein paar sind mittlerweile mit umgeschult.
    Der neue Pausenhof ist kleiner. Auch die Klassenfrequenz. Ansonsten ähnliche Regeln, netterweise ist es etwas weniger laut. Manchmal luschert man noch nach drüben, winkt, sagt hallo, grinst durchaus ab und zu über Bemerkungen, ist aber auch genervt, weil alle gleichzeitig reden, sich die üblichen wieder aufplustern oder es sich mächtig viel wiederholt. Hundertmal.
    Geht man halt wieder. Bis zur nächsten Stippvisite.
    Und wenn’s nach der Umschulung auf dem dortigen Pausenhof ebenfalls einmal anstrengt – dann gibt’s als Rückzugsort glücklicherweise noch den echten Garten. Draußen. Ohne virtuelles Gedöns.
    Allerdings – wie es immer so ist mit Ferien und Ruhe – irgendwann freut man sich doch darauf, wieder die Truppe auf dem Hof zu sehen.

    LG Michèle

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    • ickemich schreibt:

      Ahnte ich doch, dass dieses Pausenhofgleichnis noch etwas mehr hergibt, als nur dieses Geschwurbel von mir. :)
      Und ja, der echte Garten ist höchstens noch durch eins zu ersetzen.
      Einen anderen echten Garten. Draußen.

      LG i.

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  4. Herr Ungewiss schreibt:

    Also, ich will da nix reininterpretieren, aber es wirkt ja schon beinahe wie ein leiser Abschied vom Pausenhof.

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    • ickemich schreibt:

      Nun, Interpret wäre wohl nicht der richtige Job für Dich. :D

      Vielleicht werden es bei mir absehbar etwas weniger Pausen. Kürzere auch mal.
      Die, die sich ausgeschult haben, werden ja auch bisweilen wieder eingeschult.

      Nur verwechseln sollte man den Pausenhof eben nicht. Mit nichts.

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