Heimkehr

Das aktuelle Thema im Blogideekasten „Zwischenmenschliches in einer schnelllebigen Welt“ hat mich dazu veranlasst, einen älteren Text auf der Festplatte wieder hervorzukramen. Eine Art Tagebucheintrag. Nicht etwa, weil ich zu faul wäre oder mir sonst nichts einfiele. Ich denke einfach, es passt auch nach knapp fünf Jahren immer noch gut zu meinem zwischenmenschlichen Lebensumfeld, welches ich aus genau diesen Gründen nicht missen möchte. Jedenfalls nicht allzu lange. Es ist etwas persönliches. Aus dem gar nicht mal so furchtbar schnelllebigen Ostfriesland. Klar.

Knapp zwölf Stunden Fliegerei und vier Stunden Autobahn liegen hinter mir. »Halt mal da an, den Rest lauf ich«, sage ich zu meinem Kumpel hinter dem Lenkrad. Er bremst, hält in einer Bushaltestelle. »Sicher? Ich bring Dich auch bis vor die Haustür.« »Lass mal, muss nicht. Will mir etwas die Beine vertreten, ist ja nicht mehr weit. Nur ein oder zwei Kilometer.« Schulterzuckend öffnet er die Fahrertür, hilft mir noch beim Ausladen von meinem Krimskrams. Den großen Rucksack auf den Rücken gehievt und den kleinen vor die Brust gehängt. Der Karabiner schnappt ein. Meine Hände klopfen alle Taschen kurz auf ihren Inhalt ab. Beiläufig. Angewöhnt. Ein jetzt unnötiger Check. Schon fertig. Ein Handschlag, und ich wünsche ihm noch eine „Gute Fahrt“. Er nickt und steigt wieder ein.

Dann lange Schritte die Straße entlang. Federnd. Das Gewicht der beiden Rucksäcke spüre ich nicht. Zu viele Eindrücke in der ostfriesischen Abendsonne. Vorgärten, mit Blumen, deren Namen ich mir nie merken werde. Gestutzte Hecken, Koniferen, Buchsbaum. Grillgeruch. Abbiegen in den kleinen Fußweg. Abkürzung nach Hause. Der Kindergarten unserer Kinder. Alles ruhig dort, ist ja schon spät. Der öffentliche Spielplatz dahinter, nur zwei Kinder dort. Nein, drei. Sie schauen und winken. Ich auch. Meine Straße, der südliche Wendehammer der Doppelsackgasse.  Die Sonne hat ja Ende April schon etwas Kraft, mir ist es trotzdem zu kühl. Schritte machen, ausgreifend heimwärts. Fast schon Mai. Alles sehr grün hier.  Anders als dort, wo ich sechseinhalb Monate war. Dort war es aber auch schon sehr viel wärmer.

Handy aus der Hosentasche kramen, die SIM-Karte hatte ich schon im Flugzeug umgefummelt. Nummer wählen, weiterlaufen. Nachbarn im Vorgarten. Sie winken. Der von schräg gegenüber kommt mir mit seiner Schubkarre entgegen. Daheim geht die Frau ans Telefon, »Ja?«. »Ich komm jetzt rein. Heim. Auf der Straße vor dem Haus. Kannst ja mal nachsehen.«

Die Schubkarre liegt auf der Straße. Allein. Der gut sechzigjährige Nachbar umarmt mich. Einfach so. Er ist eineinhalb Köpfe kleiner als ich. Das Telefon sagt auch nichts mehr. Die Frau kommt mir die letzten dreißig, vierzig Meter entgegen, wird von unseren beiden Kindern überholt. Der Nachbar hält mich immer noch an beiden Schultern fest. Klopft mir Staub aus der Jacke. »God, datt heil wer doarwäst Jong.« »Jo«, sage ich nur. »Best lang wech west, all god mit die?«. Er schaut etwas betreten zur Seite, hat da wohl was im Auge. »Jo«, sage ich nochmal, »All god all«.

Dann hängen mir auch schon zwei Kinder an den Beinen und die Holde um den Hals. Die hatte da wohl gerade auch etwas im Auge. Der kleine Rucksack liegt auf der Straße. Der Nachbar steht nicht mehr allein daneben. Nur seine Schubkarre. Weiter hinten. Hat jemand wieder hingestellt. Ich werde nun noch einige Hände schütteln. Alte und junge. Und mir noch etwas Staub aus der Jacke klopfen lassen.

Und eventuell habe ich da etwas im Auge, an diesem 30. April 2010.

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3 Antworten zu Heimkehr

  1. Pingback: #MeibestElternblogbeitragdeMo III | Die Kellerbande mit Herz und Seele

  2. Katja schreibt:

    *ins Taschentuch tröt*

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  3. delanji schreibt:

    Hat dies auf Fahnenflüchtig rebloggt und kommentierte:
    „Dieses Internet, da lernst doch nie wen wirklich kennen. Ist doch alles nur so oberflächlich“.
    Nö. Manchmal sieht man nämlich auch kurze Fetzen aus den echten Welten dieser Leute. Zum Beispiel den hier. Viel Liebe dafür. Ehrlich.

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