Anstand

Es ist ja immer so eine Sache, mit dem Anstand. Manche behaupten, er kommt aus dem Herzen. Also, so im übertragenen Sinne. So wie Liebe oder auch  Hass.
Denke ich nicht. Ich muss etwas oder jemanden nicht unbedingt mögen oder gar lieben, um anständig zu handeln. Ähnlich verhält es sich mit Hass. Ich denke, Anstand ist dann doch eher so eine Kopfsache.
Schuld an dieser Denke ist wohl auch ein wenig mein Opa. Also, er war … nee, ist er immer noch. Irgendwie.

Ich wies hier mittendrin auch schon mal dezent darauf hin, dass er dadurch eine Art Vorbild für mich war, und auch nach seinem Ableben immer noch ist. Mein Opa, und sein Anstand.
In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde er geboren. Dolchstoßlegendenbeeinflusst ist er, in der damaligen Mitte Deutschlands, aufgewachsen. Nach der Schule dann Klempnerlehrling, zu Kriegsbeginn schon fast Geselle, Funker für die Kriegsmarine in Rom. Nach diversen Führerwitzen in römischen Tavernen ging es für ihn, mit einem sogenannten „Bewährungsbataillon“ des Heeres, baldigst an die Ostfront. Er redete nie viel darüber.
In Gefangenschaft kam er bei Charkow. Ja, dem Charkow. Fast acht Jahre blieb er dort, als Handwerker. Als „Spezialist“. Seine Ausbildung hat ihm wohl damals das Leben gerettet.

Im real existierenden sozialistischen Teil Deutschlands ist er später dann, trotz seiner recht losen Klappe, auch irgendwie durchgekommen. Gut, er war ja Handwerker, und jeder braucht mal einen Klempner. Auch der Genosse.

Egal, zurück zum Anstand.
Opa hat mir das eben nicht nur beigebracht, sondern eher schon vorgelebt. Dieses anständig bleiben. Meistens jedenfalls. Mit seinem Verstand hauptsächlich, seinem provinziellen, aber äußerst wachen  Handwerkermenschenverstand. Und ein klein wenig wohl auch mit seinem Herzen.

Wenn man mal verliert im Leben, dann sollte man eben den Anstand haben, zu gratulieren. Nicht sich selbst natürlich. So sagte er, der Opa. Sinngemäß.
Und wenn man gewinnt, verbietet sich ein schadenfrohes oder lustiges Nachtreten ganz von selbst. Das ist unanständig, sagte er auch. Mein Opa.
Wenn jemand besser ist, als man selbst, dann kann man das ruhig anerkennen. Muss man sogar, wenn man mal genauer darüber nachdenkt. Ohne sich selbst dabei schlecht zu reden. Schon schwieriger, klar.

Wenn es mal jemanden schlecht ergeht, kann man durchaus die eigene Hand helfend hinstrecken. Unter die Arme greifen, auch ohne erst (groß)artig darum gebeten zu werden. Und immer ohne Häme. Das war ihm wichtig. Meinem Opa, klar. Dieses ohne Häme.
Auch wenn es für einen selbst etwas anstrengend sein mag, eventuell sogar mal Überwindung kostet. Er eben nicht aus vollem Herzen kommt, dieser Anstand. Gerade dann. Und das lebte er. Ihr wisst schon wer.

Bei einigen meiner Mitmenschen scheint mir dies irgendwann abhanden gekommen zu sein. Dieses ‚mit Anstand leben‘. Etwas mit den eigenen Händen schaffen (oder auch mit den Füßen, dem Hintern oder dem Hirn) und dann auch ruhig  verdammt stolz darauf zu sein. Ohne Schnickschnack, ohne Häme. Vor allem ohne Häme.
Die Leistung von anderen anerkennen. Einfach so, ohne Zwang, ohne Einschränkung, ohne „aber“.  Oder sogar, weil es einem wirklich sehr gut gefallen, weil es beeindruckt hat. Man hört immer seltener davon.

Anständige Ehrlichkeit und ehrlicher Anstand. Ob nun aus vollem  Herzen, oder nicht.

Es wird in letzter Zeit immer weniger anerkannt, toleriert oder auch nur akzeptiert. Meinungen werden auf Biegen und Brechen vertreten, ohne sich mal selbst auf den Prüfstand der eigenen Wahrnehmung zu stellen. Konträre Meinungen werden mit teils abstrusen Fakten umgehend in Grund und Boden genagelt. Schlecht geredet. Möglichst schnell, gerne auch unachtsam. Oft ohne Anstand, auch wohl ohne großartig weiter darüber nachzudenken. Äpfel werden gern mit Birnen und Kirschen verglichen, und das Gegenüber dann hämisch mit den Kernen bespuckt. Wenn die eigene Meinung erst einmal feststeht, oder festgestellt wurde, stören weitere Details und Fakten ja auch nur noch.

Selten lässt man noch jemanden ausreden, und es wird wohl auch zu wenig  zugehört.
Aber es wird Gewalt ausgeübt. Auch psychisch. Brandsätze werden geschleudert, nicht nur verbal. Sogar gemordet. Für eine Meinung, oder gegen eine andere.

Moral nimmt sicher jeder Mensch in seinem Umfeld anders wahr. Ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob es so etwas wie eine generelle Moral geben kann. Ob es so etwas überhaupt geben sollte. Darum geht es hier auch nicht.

Einige Dinge verbietet schon, auch abseits von moralischen, kulturellen, gesellschaftlichen und persönlichen Befindlichkeiten, der normal funktionierende Menschenverstand. Sollte man meinen.
Mord zum Beispiel. Missbrauch von Schutzbefohlenen. Erniedrigung. Verschwendung.

Euch fallen da bestimmt auch noch ein paar mehr der tatsächlich unanständigen Sachen ein.

Versucht trotzdem, anständig zu bleiben.

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6 Antworten zu Anstand

  1. Pingback: Linksammlung | ickemich

  2. sachsenmartin schreibt:

    Hat dies auf sachsenmartin rebloggt und kommentierte:
    Weise Worte zu einem Thema, welches in unserer Zeit leider nur ein Schattendasein fristet.

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  3. shalimee schreibt:

    Du hast Recht … Gerade in den jüngeren Generationen fällt mir auf, dass es diesen Anstand scheinbar nicht mehr gibt. Aber wo will ein Teenager auch gelernt haben, dass man im Bus für eine Oma an Krücken aufsteht, wenn es vielleicht schon die eigene Mutter nicht mehr tat??? In unserer heutigen Gesellschaft ist sich oft jeder selbst der Nächste und warum sollte man „mit Anstand“ auf sein Recht (oder seinen Sitzplatz) verzichten? Das macht mich manchmal schon irgendwie traurig …

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  4. Arabella schreibt:

    Deine Werte teile ich, das ist der Grund warum ich so gerne bei dir lese.
    Das Lächeln auf dem Gesicht deines lieben Großvaters spricht Bände.
    Liebe Grüße

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    • ickemich schreibt:

      Jo, danke. Das Foto, vielmehr den Ausschnitt, musste ich auch echt suchen. Viele gibt es von ihm nicht. Er stand nicht gerne vor Kameras herum.
      Die Werte? Nun, es bleibt zu hoffen, dass sie weitergegeben werden und sich dann auch weiterentwickeln. Zum Positiven.
      Ohne Anstand wird es wohl nicht funktionieren. :)

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  5. Pingback: Anstand | wildflower

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