Volk

Ich habe einige Zeit überlegt, mich überhaupt öffentlich mit der sogenannten Islamisierung des Okzidents auseinanderzusetzen. Besser, der versuchten Renazifizierung der sogenannten alten Welt. Liegt sicher daran, weil es hier in Ostfriesland eine andere Gemengelage als anderswo hat.  Auch die, kurzzeitig durch die Medien geisternde, OGIDA war wohl doch eher nur ein Web 2.0 – Furz.
Hoffentlich!  Thema ist es natürlich auch immer mal wieder hier im Umland, wie wohl für so ziemlich jeden Abendländer, der nicht gerade Winterschlaf hält.
Und auch hier gibt es sicherlich ein paar Menschen, die gerne mal etwas später am Tag spazieren gehen. Deswegen nun doch ein paar meiner Gedanken dazu.

Da gehen also seit einiger Zeit Menschen mitten auf der Straße spazieren. In Dresden. Meist Montags. Gar nicht mal so wenige. Die Frauen wollen kein Kopftuch tragen, die Männer sich keinen Rauschebart wachsen lassen.
Gut, müssen sie ja auch nicht. Auch nicht anders herum. Sie möchten auch nicht, dass dies ihre Söhne oder Enkeltöchter müssen. Nun. Dafür mochten sie lieber Weihnachtslieder singen. Vor einer unbeleuchteten Oper.

Die Gründe, die diese Menschen auf die Straße treiben, sollte man nicht einfach mit Dämlichkeit abtun, obgleich sicher auch ein paar Damen dabei sind. Auch die allseits beliebte Nazikeule wird den Nadelstreifen wohl nicht ganz auf den Kopf treffen.
Viele der Menschen dort haben sicher eine Art Angst in sich. Begründet oder nicht, sei einmal dahingestellt. Aber eben vorhanden. Latent, ja. Diffus, auch. Wohl zusätzlich von anderen Menschen noch angefeuert. Die Angst, nicht die Menschen.

Ob nun ein rasch zusammengeschustertes Bildchen im Netz mit Äpfel-Birnen-Vergleich-Gegenargumenten oder diese ziemlich hoch angesetzte Onlinepetition ein wirkliches Gegengewicht darstellen, wage ich mal zu bezweifeln. Auch die bajuwarische  Demonstration tausender christlich-sozialer Wasauchimmer gegen die dortigen … waren es 40,3 oder 42,7 der Hes­pe­ri­enretter? … kann man mal vom Resultat her in den Raum stellen. So als folgende Frage vielleicht:
Wird dadurch irgendjemanden eine Angst, worauf auch immer diese gründet, auch nur ansatzweise genommen?

Ich denke eher, hier greift derzeitig eine ganz subtile Instrumentalisierung um sich. Auf beiden Seiten. Gegen diffuse Gefahrenpotentiale, die oft nicht realistischer dargestellt werden, als so manche Geschichte im dicken Buch der Christen. Und die Gefahr einer gefährlichen Radikalisierung sehe ich auch. Auf beiden Seiten.
Oder mittlerweile wohl eher: »An beiden Fronten.«

Woher kommt nun diese Angst und die Gegenangst, diese Frontenbildung?
Islam? Gentrifizierung? Multikulti? Political Correctness? Genderisierung?
Bis ins Absurde?
Wintermärkte, statt Weihnachtsmärkte.  Jahresendflügelfigur … ach nee, das war ja noch die andere „Epoche“. Schwabinnen in Berlin-Mitte? Neuapostolen im Emsland? Nun ja.
Aber hier, interkulturelles Beisammensein der Hauptstadtpolizisten. Mit so einem typischen interkulturellen Gewächs dabei. Nun, da kann man schon Angst bekommen.
Oder einfach mal laut lachen. Lachen ist ja sowieso gesünder als Angst. Für alle Seiten.

Mit diesem Unsinn haben übrigens irgendwelche Moslems genauso wenig zu tun, wie badische Buddhisten, sonnige Schweden, kirgisische Kelten oder Waschtischarmaturen mit Keramikkartusche. Man sieht diese nur öfter mal im Straßenbild. Also die Moslems, nicht die Waschtischarmaturen. Und ja, die Kultur ist anders, im Islam. Und im Baumarkt.
Die Kultur ist ja schon zwischen Nordbayern und Südniedersachsen unterschiedlich.

»Bier zum Frühstück?«
»Pfff … ohne einen Kurzen dazu? Geht ja gar nicht!«

Nee, diesen oben beschriebenen Irrsinn dürfen wir uns ruhig mal jeder selbst an die Backe nageln. Weil wir es mitmachen. Die eine mehr, der andere weniger. Weil wir selbst manchmal „Mitgliederinnen“ denken , oder „Mensch mit Migrationshintergrund“ sagen. Und ähnlichen Unfug. Weil wir selbst oft nicht mehr versuchen, fremde Bräuche und Sitten zu begreifen, manche begreifen wohl nicht einmal mehr die eigenen.
Weil wir eben nicht alle unsere Vorurteile abgelegt haben. Weil wir manche unserer Vorurteile bisweilen auch bestätigt sehen. Bestätigt sehen wollen. Das passiert mir auch manchmal. Ich versuche dann, möglichst keine Gewohnheit daraus zu machen.
Weil wir eben oftmals nicht versuchen, die kulturellen oder gesellschaftlichen Hintergründe zu verstehen. Wenigstens zu kennen. Dafür muss man sie ja noch nicht einmal tolerieren. Die verschiedenen Bräuche und Sitten.

Interkulturelle Kompetenzen sind ja nun kein simples Nachäffen von anderen Kulturen, wie es manche der Tugendwächter gerne sehen würden, und auch ganz sicher kein Hochjubeln dieser oder jener Lebensart.  Schwierig, sicher. Auch mit Tannenbaum, Political Correctness oder im Dirndl.

Interkulturelle Inkompetenz ist da schon wesentlich einfacher. Einfach alles Fremde ablehnen, notfalls auch hassen.

Aber lassen wir doch einfach mal die Kuh auf dem Dom und das Dorf in Kölle. Lassen wir doch mal unseren noch halbwegs gesunden Menschenverstand faktisch und möglichst ohne Angst vor Assimilation durch die Borg zu Wort kommen.
Ja genau, dieses Ding zwischen den Ohren. Nicht die Borg, der Verstand.

Da geht es um Menschen. Fremde Menschen, die alles andere als auf Urlaub hier sind.

Ja, Deutschland kann und muss natürlich aus Kriegs-und Krisenregionen geflohene Menschen aufnehmen. Das hat etwas mit Verantwortung und Anstand zu tun. Meinetwegen auch mit Nächstenliebe. Sollte es uns nicht eher dankbar machen, dass wir in einem Land leben, welches dazu durchaus imstande ist?

Nein, nicht jedes Land, in dem vor Jahren mal ein Sack Reis vom Laster kippte, ist immer gleich eine Kriegs- oder Krisenregion.

Ja, ich denke auch, die Regierung muss ihre derzeitige Politik überdenken und ändern.
Nein, Flüchtlinge dürfen nicht über Monate oder Jahre in irgendwelchen Lagern,  nennen wir sie meinetwegen auch Heime, untergebracht werden.
Dort lernen sie weder unsere Sprache, noch etwas über unsere Kultur. Langeweile und Unsicherheit sind auch sicher keine „Traumatherapie to go“.
Ja, hier muss investiert werden. Nicht nur Geld.

Ja, ich denke schon, dass sich diese Menschen hier verbal halbwegs verständlich machen sollten, und einige „Dos and Don’ts“ verinnerlichen. Viele wollen das ja sogar.
Was ich mir übrigens auch sehr von einigen europäischen Urlaubern im Ausland wünsche.
Vielleicht gibt man diesen Menschen ja auch einfach mal die Chance, sich dauerhaft zu integrieren. Den Zuwanderern, nicht den Urlaubern.

Ich meine auch nicht, dass das Abendland dadurch bedroht  wird, dass nun Döner das beliebteste Fast Food ist.
Wenn ich mir die abendländischen Alternativen so anschaue, dann bin ich darob sogar ganz froh.

Und so wie der Burger die Currywurst ablöste, und nun eben durch den Döner abgelöst wurde, kann man das Bild der Zuwanderung als Wandel, als Weiterentwicklung einer ganzen Gesellschaft wohl weiterspinnen. Wenn man das denn möchte.
Und um im Bild zu bleiben: Herrjeh! Es wird weiterhin Baumkuchen oder Christstollen geben. Wenn man das möchte.

Und ja, im sogenannten Abendland sind immer noch Legislative, Judikative und Exekutive staatstragend. Nicht irgendwelche Wirrköpfe mit einem bunten Regenschirm in der Hand, einem dicken Buch unterm Arm oder einem hanebüchenen Videozusammenschnitt auf der Website.
Die geteilten Gewalten sollten sich nun ihrer Verantwortung auch bewusst werden, das Herumschwallern einstellen, klare Position beziehen und dann die Dinge anpacken, die schon recht lange liegengeblieben sind.
Denn es  geht um Menschen, und wenn man Menschen zu lange liegen lässt, werden sie aufstehen. Irgendwann! Alle! Egal auf welcher Seite. Auf irgendeine Art und Weise.
Vielleicht macht das den Spaziergängern auch diese Angst.

Und schlussendlich:
Ja, es gibt auch Extremisten. Hier und dort. Leider. Meist gewaltbereit.
Man sollte sich selbst nicht zu einem Werkzeug, gar zu einem Sprachrohr, dieser machen lassen. Nie!

Ganz im Gegenteil! Stellt euch einfach nicht dazu. Stellt lieber Strafanzeige.

Was bleibt sonst zu tun?
Nun, die Menschen sollten hier und dort erkennen, dass nicht der afghanische Dolmetscher, die syrische Familie oder der nordafrikanische Jugendliche auf der Suche nach Sicherheit und Frieden, eventuell einem besseren Leben, das Problem darstellen, sondern unser Umgang mit ihnen. Hier sind nicht nur die viel gescholtenen Medien oder die noch mehr gescholtene Politik gefragt, sondern jeder und jede einzelne. Alltäglich. Sagt es ihnen. Den Menschen. Auch mal ungefragt.

Man kann auf diese Menschen zugehen. Diese Fremden in der Fremde. Man kann es natürlich auch lassen. Aber gegen diese Menschen auf die Straße zu gehen, ist der falsche Weg. Macht das eben bitte nicht. Macht lieber einen Spaziergang zur nächsten Flüchtlingsunterkunft. Nehmt Brot mit, oder ein paar nette Worte. Und einige von denen, die gerade zu einer der Fronten wollten.

Schaut die fremden Menschen nicht so argwöhnisch an. Auch nicht, wenn sie im Drogeriemarkt vor den Regalen stehen und wieder nichts kaufen. Sie haben dann oft auch einfach mal nicht das Geld dafür. Ihr müsst ihnen nichts schenken, auch keine Kleinigkeit. Könntet ihr aber. Und ihr könntet andere Menschen darauf hinweisen, dass sie gerade argwöhnisch schauen.

Euch fallen sicher auch selbst noch viele kleine und große Alltäglichkeiten ein, die ein Zusammenleben der Menschen in diesem Land vereinfachen, sogar verbessern würden. Egal, ob man nun orientalischer Rüganer, spartanischer Pfälzer oder ostfriesischer BergDeichmönch ist.

Im  Nachsatz möchte ich mir noch die Benutzung der Worte »Wir sind das Volk!« auf diesen nächtlichen „Spaziergängen“ verbitten. Diese Worte stehen seit 1989  für etwas.

Für den Menschen, nicht gegen ihn.
Für Freiheit und für Frieden, aber auch für Dialog.

Danke!

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6 Antworten zu Volk

  1. ickemich schreibt:

    Jo, Bitte!

    Etwas mehr Unaufgeregtheit täte wohl allen Seiten mal ganz gut. :)

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  2. sachsenmartin schreibt:

    Hat dies auf sachsenmartin rebloggt und kommentierte:
    Joa. Ich glaube, ich muss das ausdrucken, damit ich unterschreiben kann.

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  3. missyr0ckstar schreibt:

    Hat dies auf missyr0ckstar rebloggt und kommentierte:
    Manchmal, wenn man selbst zu einem aktuellen Thema etwas sschreiben möchte, einem aber nicht die richtigen Worte einfallen oder das Gedankenchaos sich nicht ordnen lässt, schreibt es ein andere. Danke! Dialog ist wichtig!!!

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  4. Christiane schreibt:

    Danke immer wieder für den Aufruf zum Dialog, zur Besonnenheit und zum Differenzieren.

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  5. sugar4all schreibt:

    DANKE…..mehr braucht man hier nicht schreiben!!!!

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