Generation Isolation

„Wir sind eine Generation zwischen Isolation und bedingungsloser Solidarität. Wir denken an Heimat, und fast alle von uns merken, dass wir keine haben.“

Das ist es dann wohl auch schon. Diese „Zwischengeneration“, zwischen meinem Leben und dem meiner Kinder. Da kann ich dann wohl kaum mitreden. Mach ich aber trotzdem. Ist ja auch kaum erst zwanzig Jahre her, dass ich „Anfang, Mitte, Ende 20“ war.

Ja, man verliert Menschen im Leben. Meist durch Tod, manchmal auch durch Ignoranz oder Desinteresse. Beiderseits! In dem Alter „Anfang, Mitte, Ende 20“ ist wohl alles gleich schlimm.
Suizide kommen vor, auch, und immer sind es die Gebliebenen, die sich mit den Fragen quälen werden. Den Fragen nach dem „Warum?“, nach dem „Hätte ich etwas tun können, oder sogar müssen?“, nach dem „Gab es keinen anderen Weg?“. Mit „Anfang, Mitte, Ende 20“ da grübelt man vielleicht noch mehr, als mit Anfang, Mitte, Ende 40, oder wann immer man den Tod als solchen akzeptiert hat. Bei mir persönlich war es mit ungefähr Mitte 30 soweit, dass ich den Sensenmann als Bestandteil des Lebens vollständig anerkannte. Auch meines Lebens. Und des Lebens der anderen. Natürlich.
Ich erwarte ihn nicht täglich, aber ich weiß, er ist da und wird wieder die Sense schwingen, oder gleich den Mähdrescher anwerfen.
Dann beginnt man seine verbleibende Zeit, also das Jetzt und Hier, auch mehr wertzuschätzen. Zumindest dann, wenn man noch halbwegs gesund in der Birne ist.
Soweit sind die meisten dieser „Zwischengeneration“ wahrscheinlich noch nicht, aber das wird.

Die Schwierigkeiten dieser speziellen Generation, sehe ich natürlich auch. Bei einigen meiner Mitarbeiter. Meist sind es die Jungs und Mädels aus dem Osten der Republik, die recht entwurzelt aufwuchsen. Meine Eltern waren schon zu alt, um so richtig zu entwurzeln, und das an mich weiterzugeben. Und ich selbst war alt genug, eigene neue Wurzeln zu bilden.
Das trifft auf die Nachwendegeborenen nun oft nicht zu. Nicht mehr. Elternhäuser, die viel Zeit mit Selbstfindung, Selbstneuerfindung verbrachten, statt mit den Kindern. Freundeskreise in ähnlicher Problemgemengelage. Das Heranwachsen im unteren sozialen Mittelfeld, wenn überhaupt. Die Versuchungen und Versprechungen der Glitzerglitterumwelt.

Ja, soziale Ungewissheit und/oder Not, auch die gefühlte, kann krank machen. Natürlich. Nicht unbedingt nur körperlich.
Nein, ich denke nicht, dass alle Geburtsjahrgänge ab 1990 auf ehemaligem DDR-Gebiet aus potentiellen Psychopathen bestehen. Aber oft wurden eben keine Rituale mehr in der Kindheit gelebt, die Werte festigen konnten. Dies musste und muss diese Generation sich dann selbst erarbeiten. Von klein an, mit einer wenn überhaupt, nur sehr dünnen Grundlage. Mit mehr oder weniger mäßigem Erfolg. In jedem Fall mit viel Kraft.
Und ja, es gibt da wohl auch ein paar Ausnahmen.

Auch im „goldenen Westen“ ist es genau diese Generation, diese Zwischengeneration, die sich bisweilen mit vielen trübsinnigen Gedanken herumträgt.
Auch hier ist es dann oft das Elternhaus (geboren um die Mitte bis Ende der sechziger Jahre), die wiederum von ihren Eltern (Stichwort: 68er) eher wirren Ideologiekram, denn handfestes Lebensrüstzeug mitbekamen. Keine Mehrheit in meinem Umfeld, aber mithin auch vorhanden.

Ich hoffe für alle, die es betrifft, dass sie trotzdem ein Leben leben können. Ihr Leben. Wahrscheinlich das einzige, was sie haben.
Und lieben lernen, echt lieben. Wertschätzen und respektieren lernen. Mit Anstand. Das sie ehrlich werden, oder bleiben. Nicht nur zu anderen. Es genießen, irgendwann.

Und dass sie dies alles vor ihrem Tod noch weitergeben können. Zumindest einen Teil davon.

Flaggenfetzen

In meiner TL ist Winter. Bei mir auch. Das zwingt zum denken. Und zum beobachten.
Beides will ich hier mal tun.

Wir sind eine Generation zwischen Isolation und bedingungsloser Solidarität. Wir denken an Heimat, und fast alle von uns merken, dass wir keine haben.

„Ich überlege seit längerem, was Heimat für mich ist, und glaube, dass ich mittlerweile nirgends mehr zuhause bin.“

— Welle Steak (@wellenart) 29. November 2014

Wir denken an Familien.
Wir stellen fest, dass es in unseren eigenen Leben oder in unseren Freundeskreisen kaum noch so ein auch nur annähernd funktionierendes Konstrukt gibt.

„Hier hat ein Mädchen Fotos ihrer Eltern im Portmonee. Ich habe ja keine Freunde, die gut mit ihren Eltern klar kommen.

— Püppi (@Staubprinzessin) 4. Dezember 2014

Wir sind Anfang, Mitte, Ende 20 und haben fast alle schon mindestens irgendeinen in unserem Bekanntenkreis durch Suizid verloren, oder kennen zu viele die das ganze…

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