Mauer

Heute ist es also schon fünfundzwanzig Jahre her. Ein Vierteljahrhundert. Ich werde wohl alt wohl doch älter. Viele wissen noch, was sie an diesem Tag taten, oder eben auch nicht taten. Zumindest die anderen „Alten“.
Ich habe einiges davon in ein Tagebuch notiert. Auf Papier. Damals. Wie ich über die Jahre so vieles notierte.  Klar könnte ich euch damit verschonen, will ich aber nicht. Es bleibt ja auch euch überlassen, ob ihr weiterklickt, oder nicht.

Ich saß also damals, am 09. November 1989 spätabends, nahezu nachts, im D-Zug* in Richtung Rostock. Nach dem Halt in Bad Kleinen brüllte dann irgendein Kerl ganz aufgeregt über die Gänge der Abteilwagen: »Die Mauer ist weg. Kam gerade im Radio. Die haben die Grenze aufgemacht!«

Die Grenze! Es gab keine Frage, welche er meinte. Die Mauer! Es war sonnenklar welche.
Was noch etwas unklar war: »Wann würde die Transportpolizei oder die Stasi den Kerl, der da so aufgeregt herumbrüllte,  wohl einfangen, mitnehmen und wegsperren?«
Keiner fing ihn ein. Und kaum jemand glaubte ihm so recht. Auch nicht, als er den ganzen Zug wieder, Waggon für Waggon,  zurücklief, und sich gar nicht wieder einkriegte.
Allerdings glotzte auch niemand hektisch auf sein Smartphonedisplay, denn die gab es ja noch nicht, diese Smartphones. Damals, Neunzehnhundertneunundachtzig. Unterwegs gab es, wenn überhaupt, hier und dort ein Transistorradio**.
Vor den nächsten Nachrichten stiegen wir allerdings  auch schon in Rostock um.

Im Bummelzug von Rostock nach Stralsund gab es dann aber kein anderes Thema mehr, als diese Grenzöffnung. Unter den Mitreisenden. Sektflaschen machten die Runde, und Wodkaflaschen. Irgendwo wurde die erste Strophe der Nationalhymne intoniert. Nein, nicht die erste Strophe vom Deutschlandlied. Die der anderen, „unserer“ Hymne. Die ja nicht mehr gesungen werden durfte. Eigentlich. Viele stimmten ein, nicht alle.

„Die Wagen wurden immer voller, kaum jemand stieg aus – keine Fahrkartenkontrolle“, steht in meinem Tagebuch.

Auf den Bahnsteigen in Stralsund dann sehr spärliche Mengen an Transportpolizei, aber dafür einige Bereitschaftspolizisten, Volkspolizei und ein Haufen Zivilvolk. Eher Massen von Menschen. Menschenmassen. Einige hatten Kofferradios*** dabei. Koffer oder Reisetaschen hatte dafür kaum jemand.
Was da ein paar Stunden vorher in dieser Pressekonferenz und später am Grenzübergang in der Bornholmer Straße in Berlin passiert war, konnte wohl noch keiner der Anwesenden richtig realisieren. Viele wollten nun aber mit dem Nachtzug nach Berlin. Auch auf den Stehplätzen.

Ich stieg eine knappe halbe Stunde später in Greifswald schon wieder aus. Aus dem Nachtzug nach Berlin. Wieder ohne Fahrkartenkontrolle.
War ja Beginn der Frühschichtwoche. Am nächsten Morgen, am Freitag. Im Kernkraftwerk.

Meine Wohnheimbude habe ich dann auch noch vor Mitternacht erreicht. Unser Berliner fehlte. Der Dresdner auch. Ein Telegramm**** lag aber vor.  Sinngemäß stand drin : «Die Mauer ist auf – komme später. Der Berliner».
Nach der Freitagschicht waren sie wieder da. Abends, im Wohnheim. Der Berliner und der Dresdner. Und sie berichteten. Lange, sehr lange. Es war wohl doch wahr, die Mauer in Berlin war offen. Es gab Diskussionsbedarf, bei jedem von uns ‚Lehrlingen im sozialistischen Kollektiv‘.

Ganz sicher war dies ein Tag, der auf das Leben von vielen von uns einen großen Einfluss hatte. Positiv und negativ. Es hätte auch anders laufen können in dieser irren Zeit, damals im Herbst 89. In der DDR.

Ich möchte mir auch nicht vorstellen, wie es dann hätte enden können. Ob es überhaupt geendet hätte. Wo wir heute wären, wo ich heute wäre. Wenn es anders gekommen wäre.
Ich muss es mir auch nicht vorstellen. Niemand muss das.
Zum Glück!

Das schafft nur unnötige neue Mauern. In den Köpfen.


*        so etwas ähnliches wie ein Intercity, nur ohne Inter und ohne City
**      so etwas ähnliches wie ein Kindle, nur viel dicker, ohne Display, dafür mit Radio
***    so etwas ähnliches wie ein Messenger-Bag, nur mit einem Radio eingebaut
****  so etwas ähnliches wie ein Tweet oder eine SMS, nur auf Papier
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Eine Antwort zu Mauer

  1. arabella50 schreibt:

    An diesem Abend sah ich das mit meiner Großmutter im Fernsehen.
    Sie nahm das nicht mehr richtig wahr und ich war erstaunt, dass es so geht.
    So einfach.
    Das die Sache dann doch nicht so einfach war, spüre ich bis heute.

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