Ungerechtigkeit

Nun mal eins der Themen vom Blogbriefkasten. Das erste, ganz frisch letzten Samstag ausgeloste, Stichwort. Alternativ hätte ich wohl ein Strafbier trinken müssen, wenn ich das alles richtig verstanden habe.  Vielleicht mache ich das ja im Anschluss trotzdem noch.
Dass nun alle Beteiligten zu einem einzigen Stichwort schreiben, ist sicher kein Dauerzustand.  Zumindest empfehle ich, erst seinen eigenen Sülz herunterzutippen, bevor man das hochbegabte Geschwafel der anderen liest. Birgt zwar die „Gefahr“ von Doppelungen in der Argumentation, aber da dies dann ja auf verschiedenen Blogs gedoppelt wird, fällt es vielleicht gar nicht weiter groß auf.

Ungerechtigkeit, nun. Einfach zu behaupten, ‚Ungerechtigkeit wäre das Nichtvorhandensein von Gerechtigkeit‘ wäre sicher erstens etwas kurz gegriffen, und zweitens auch logisch falsch. Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, kann es ja zwangsläufig auch keine Ungerechtigkeit geben. Ohne Recht, eben kein Unrecht. Ohne Ying, kein Yang. Ich will mich auch gar nicht in Recht oder Unrecht hineinsteigern, da dies innerhalb verschiedener Kulturkreise, und selbst innerhalb dieser, viel zu unterschiedlich ist. Ein Bauer auf Papua-Neuguinea sieht das deutsche Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung eben anders, als ein mongolischer Hotelier oder ein irischer Langzeitarbeitsloser.
Allerdings denke ich, dass hauptsächlich, wenn nicht sogar ausschließlich, unsere Wahrnehmung auch unser Verständnis von Gerechtigkeit bestimmt. Demzufolge eben auch unser Verständnis von Ungerechtigkeit.

Dass meine Mutter heute vor zwei Jahren nicht wieder aus ihrem Mittagschlaf erwachte, empfinde ich immer noch als Ungerechtigkeit. Eine Ungerechtigkeit der Natur. Sechzig Jahre alt wäre sie erst elf Tage später geworden. Ich denke, ein paar weitre Lebensjahre mehr wären ihr gerechter geworden.
Andere Menschen müssen einen langen Todes- und/oder Überlebenskampf von nahen Angehörigen begleten und empfinden es Ungerechtigkeit, wenn Menschen eben nicht einfach so friedlich einschlafen dürfen, wie meine Mutter es tat.
Ich denke auch, dass ich mit der Zeit etwas mehr Distanz zu dieser ganz persönlichen Ungerechtigkeit bekomme, und sich die Dinge relativieren werden. Sich eben die Wahrnehmung verändern wird.

Unser Verständnis von Recht und somit von Gerechtigkeit ist, meiner Meinung nach, nicht nur sehr verschieden, sondern auch bisweilen nicht immer nachvollziehbar.

Weltweit gibt es beispielsweise Menschen, die ihre Heimat verlassen würden, um der Ungerechtigkeit dort zu entgehen. Oft wollen diese dann nach Europa, gerne auch nach Deutschland. Und hier gibt es auch Menschen, die genau aus diesem Grunde das Land gerne verlassen wollen, oder schon haben.
Relativ eben.

Einerseits mag man die staatliche Überwachung nicht, verteufelt sie sogar als den Untergang des Abendlandes, überlässt aber global agierenden, und somit natürlich auch staatlich/geheimdienstlich relevanten, Konzernen freiwillig alle möglichen Daten.
Auch bei LIDL mit der EC Karte bezahlen, zählt dazu. Irgendwie.

Wenn der Nachbar ungewöhnlich oft Besuch hat, dann verzeichnet man dies. Für sich. Wenn der Ex-Partner neu liiert ist, auch. Unbewusst, oder bewusst ist egal. Eine Überwachung unserer Umgebung gehört zu unserer instinktiven Überlebensstrategie. Nicht immer anlassbezogen. Nicht immer gerecht im Ergebnis der Beurteilung.
Nein, es gibt bei uns kein Recht zur nicht anlassbezogenen Überwachung von Einzelpersonen. Sie wird sicher trotzdem in irgendeiner Form stattfinden. Durch uns selbst, und auch durch andere. Bei Einzelnen nennt man die extreme Form davon wohl Stalking. Ein Unrecht? Sicher.
Eine Ungerechtigkeit, dies dann nicht strafrechtlich zu verfolgen, weil die Verfolger eben gleichzeitig die Verfolgten wären? Mag sein. Die ausführende Gewalt sollte sich der gesetzgebenden Gewalt unterordnen. Aber was, wenn letztere eben die Ungerechtigkeiten erlässt. Kann die rechtsprechende Gewalt darauf Einfluss nehmen? Muss sie das sogar? Sind es wirklich Dinge, die auf Papier geregelt sein müssen? Und wenn ja, in wessen Interesse?

Aber zurück zur Ungerechtigkeit.
Ich denke, Ungerechtigkeiten, die eine Mehrheit als solche sieht, nicht nur einige wenige mit teils extremen Ansichten, regeln sich selbst. Innerhalb einer Gesellschaft. Meist werden sie gesellschaftlich abgelehnt, manchmal aber auch akzeptiert. Werden abgeschafft, oder integriert. Geregelt.
Wenn es denn um elementare Ungerechtigkeiten geht. Nicht um den Streit „um die Schaufel im Sandkasten“. Nicht um die Ungerechtigkeit, dass das Gras beim Nachbarn grüner als das eigene ist.
Sondern um die Verletzung von Grundrechten, zum Beispiel.

Zur Erinnerung: Menschenwürde, die Freiheit der Person, das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit, das Recht auf Privatsphäre und auf informationelle Selbstbestimmung, natürlich das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.
Steht alles in unserem Grundgesetz, genau wie die Rechte auf Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, Pressefreiheit, die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft, die Versammlungsfreiheit, die Freiheit der Berufswahl und das Verbot der Zwangsarbeit.

Hier im Alltag Ungerechtigkeiten zuzulassen, und wenn es nur durch Wegschauen ist, wird auf die Dauer mehr als einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Bei jedem einzelnen.
Und bei Straftätern in den Vollzugsanstalten? Ja, da wird es gesellschaftlich als Strafe akzeptiert, dass diese Freiheiten massiv beschnitten werden.

Bis hin zum Recht auf Leben.
Auch hier spielt natürlich die persönliche Wahrnehmung hinein. Wenn ich nicht selbst, oder eine enge Bezugsperson, Opfer eines Kapitalverbrechens wurde, fällt es sicher leichter, die Todesstrafe rigoros abzulehnen.
Als Eltern einer missbrauchten und danach ermordeten  Tochter hingegen braucht es schon sehr viel menschliche Toleranz und noch mehr Empathie gegenüber dem Täter, um weiterhin zu vertreten, dass kein Richter über das Recht auf Leben zu entscheiden hat.
Ob ich es könnte, weiß ich nicht.

Andererseits ist es mir beispielsweise recht egal, ob nun irgendwelche Jugendlichen mein Autokennzeichen von der Straßenbrücke aus photographieren, oder der Bundesverkehrsminister höchstselbst.  Was dann mit dem Foto passiert auch. Weitestgehend.
Andere sehen dies eben wesentlich kritischer und befürchten, dadurch ein weiteres Puzzleteil zum großen BigData-Wirrwarr beizutragen.
Wollen hier den Anfängen wehren.  Auch eine Einstellung, es geht schließlich um ein bereits Eingangs erwähntes Grundrecht.
Ich werde das auch nicht als paranoid abtun, möchte nur für mich feststellen, dass es im Ergebnis wohl nur marginalen Einfluss auf mein Leben haben wird. Wenn überhaupt.

Zu den anderen alltäglichen Ungerechtigkeiten, oder welche wir eben gerade als solche empfinden.
Hier stellt sich mir oft die Frage, ob nicht gerade wieder  einmal Äpfel mit Birnen verglichen werden.
Klar, ’schlimmer geht immer‘ ist sicher auch nicht der richtige Ansatz, aber eine Rückbesinnung auf Ursache und Wirkung ist oftmals schon angebracht.

Nicht jeder Obdachlose ist wirklich arm, und nicht jeder Anzugträger wirklich reich. Aus der Sicht des jeweils anderen kann sich das nämlich durchaus komplett anders herum darstellen.

Und somit sollten wir uns vielleicht bei all unseren vermuteten und auch real existierenden Ungerechtigkeiten ab und an mal auf einen anderen Standpunkt stellen. Die Sichtweise verändern. Den eingefahrenen oder vorgegebenen leichten Weg verlassen. Zumindest mal kurz stehen bleiben, inne halten. Manches ist dann gar nicht mehr so ungerecht, sondern nur ein Ergebnis aus Ursache und Wirkung, ein Naturgesetz, oder manchmal auch einfach nur eine aufgebauschte Lappalie.

Bleibt gerecht!

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