Kontrolle

Der Sohn maulte mich heute mal so richtig an. »Warum denn jeder immer ständig alles bei ihm kontrollieren würde?«
Ja, er neigt bisweilen zu düsteren, dramatischen Verallgemeinerungen. Gemeint waren dann auch eher so Dinge wie Zimmer aufräumen, Unterhose anziehen oder Zähne putzen.
Ja, das kontrolliere ich, oder die Holde. Manchmal. Nicht dauernd, aber doch recht regelmäßig. Auch die Hausaufgaben und Übungsdiktate werden kontrolliert. Natürlich.
Einfach so, ganz ohne technischen Schnickschnack, ohne Fernglas und  Geheimagentenhut.

Nun ist Kontrolle natürlich etwas, was man selbst meist nicht so gern hat. Also, dieses kontrolliert werden. Durch Vorgesetzte zum Beispiel, die Regierung, oder eben durch die Eltern. Man fühlt sich in seinem Tun und Denken schnell eingeschränkt. Man achtet darauf, dass man weniger Fehler macht, oder besser gar keinen. Und wenn, dann zumindest nicht allzu offensichtlich.
Man beginnt verstärkt, sich selbst zu kontrollieren, gerade wenn die Kontrolle durch eine weitere Person im Raume steht. Zumindest wird sie einem dann wohl etwas mehr bewusst. Diese Selbstkontrolle. Und es hinterlässt bei dem einen, oder auch der anderen, oft ein eher ungutes Gefühl. Dieses kontrolliert werden.

Aber geht es denn ohne? Ich denke nein. Wie ich hier schon mal beiläufig anklingen ließ, ist Kontrolle eine recht wichtige Tätigkeit in unserem täglichen Denken und Tun.

Ja, ich behaupte sogar, dass sie ständiger Teil unseres Lebens ist, die Kontrolle. Dauernd kontrollieren wir etwas. Ob die Kaffeemaschine schon fertig ist, ob der Himmel voller Wolken hängt, ob noch Klopapier auf der Rolle, oder das Bügeleisen aus ist. Wir kontrollieren uns selbst und andere. Ständig. Und wir reagieren auf das Ergebnis unserer Kontrolle. Im Optimalfall. Wir wechseln dann die Klorolle, schenken uns Kaffee ein, kramen nach dem Regenschirm, oder dem Südwester. Ziehen den Stecker raus, oder eine Hose an. Ganz ohne ein Monk zu sein.

Selbst die Kontrolle über etwas zu haben, befinden wir dann doch meist als angenehme Sicherheit. Etwas läuft genau in den Bahnen, in denen wir es laufen lassen wollen. Oder zumindest nah dran. Es ist kalkulierbar, durch uns berechenbar. Vorhersehbar meist auch. Im Ergebnis zum Beispiel. Die Sicherheit, etwas zu wissen, weil man es ja gerade erst kontrolliert hat, kann uns schon etwas beruhigen. War der Herd nun aus?
Und ja, es ist auch recht wichtig für die Holde und mich, dass unsere Kinder ihre Zähne vernünftig putzen.  Mindestens zweimal täglich.

Man sollte Kontrolle nun aber keinesfalls mit Überwachung verwechseln. Also, das Zähneputzen mit der Webcam im Badezimmer aufzeichnen, die Tagebücher der Pubertierenden lesen. Das wäre sicher Überwachung, keine Kontrolle. Wovon auch? Ob die Zahnbürste richtig herum in den Kindern rotiert? Ob die Tochter zu viele Kommata in ihrem Tagebuch gesetzt hat? Auch in der Selbstkontrolle sollte man sicher darauf achten, dass sie nicht zur Selbstüberwachung verkommt.

Das sogenannte Selftracking zum Beispiel (hier ein Link dazu bei ZEIT-ONLINE), ist für mich eine völlig übertriebene Form der Selbstkontrolle, und grenzt meines Erachtens  nicht nur  an Überwachung. Sicherlich eine freiwillige Überwachung. Noch!
Ich persönlich benötige keine technischen Sensoren, um meinen Körper- oder Geisteszustand zu checken, oder gar aufzuzeichnen. Die sind nämlich prinzipiell alle schon eingebaut. Die Sensoren. Man muss sie halt nur nutzen. Wenn man das denn will. Zum Checken, nicht zum Aufzeichnen.

Eine permanente Selbstdiagnose auch einfach nur als sehr schräges Hobby zu sehen, gelingt mir nicht. Ich halte diese freiwillige Datensammlung nicht nur für relativ unnütz (Leistungssportler sehen das sicher ganz anders. Aber wer ist schon den ganzen Tag, und die Nacht dazu, Leistungssportler?), sondern ich halte es auch für den falschen Weg. Für die meisten, die dies tun. Vielleicht wird hier auch einfach nur ein Druck auf den Einzelnen aufgebaut, der noch unnötiger ist, als das Tracking selbst. Möglicherweise hat dies auch nur mit einem mangelndem Selbstbewusstsein zu tun.

Das Hobby oder seinen Sport, zu dokumentieren, okay. Also das Streckenrudern per GPS aufzeichnen, die aktuelle Tauchtiefe kontrollieren – nicht beim Rudern natürlich-  oder die gelaufenen Höhenmeter vor Augen zu haben, meinetwegen auch zu speichern. Alles gut. Auch den Fortschritt beim Bau eines Schlachtschiffmodells im Maßstab 1:570 mit Fotos und/oder einem Podcast zu dokumentieren. Gerne.
Nur bitte eben nicht auf dem Klo, oder im Bett. Und vor allem nicht 24/7.

Beim Joggen achte ich natürlich auf meinen Puls und auch darauf, nicht zu viel Zeit in den Laufschuhen zu verbringen. Allerdings führe ich darüber noch nicht einmal regelmäßig ein Trainingstagebuch. Gut, ist ja auch zumeist kein Leistungslaufen. Die Werte, die meine Uhr aufzeichnet, wenn ich sie denn überhaupt mal dazu einschalte, dienen auch eher zur Archivierung der Orte, an denen ich bereits gelaufen bin. Um dort vielleicht noch einmal entlangzutraben, oder auch keinesfalls wieder. Je nach Ort. Ansonsten mache ich zumeist das, was ich mit gutem Gefühl zu tun vermag. Ohne GPS, ohne App, ohne Pulsmesser, ohne Brust- oder gar Kopfgurt, ohne Speicherkarte. Manches davon schreibe ich auch in mein Tagebuch. Nicht täglich, nicht einmal regelmäßig, aber doch ab und zu. Vieles auch nicht.

Kontrolle kann und sollte also sehr wohl mit Anstand und Respekt stattfinden. Und mit einem konkreten Zweck. Das muss sie sogar, denn sonst ist sie keine mehr.
Sicherlich etwas, was der Sohn noch lernen wird.

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4 Antworten zu Kontrolle

  1. muellermanfred schreibt:

    Das hast du sehr schön formuliert. Sage ich als bekennender Protokollant. Bedenkenswert

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  2. Westsideblogger schreibt:

    Hat dies auf WestSideBlogger rebloggt und kommentierte:
    An der einen oder anderen Stelle teile ich die Meinung vielleicht nicht ganz (das muss ich noch genau überlegen, wie ich da so agiere, reagiere), aber überwiegend: Ja. So ist das.

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  3. sugar4all schreibt:

    Darum „nerven“ wir Eltern…;-)…..sehr gut geschrieben!

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